Trau Dich: „Training from the BACK of the Room!“ auf dem Mathema Campus

Es gibt einige feine Unternehmen, die ĂŒber den Tellerrand hinaus schauen und jedes Jahr fĂŒr Kunden und Partner ein Event auf die Beine stellen, das viel mehr will als nur die eigenen Services und Produkte unters Volk zu bringen. Der Campus der Mathema Software GmbH ist so ein Event und ich habe mich auch dieses Jahr RIESIG ĂŒber die Ehre gefreut, eingeladen zu werden. Danke schön! Mein Thema dieses Jahr:

Training from the BACK of the Room! Lernt Ihr schon, oder nehmt Ihr noch durch?

Kurse, Workshops, Trainings so gestalten, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer möglichst gut lernen und viel mitnehmen können? Das probiere ich doch gerne aus, getreu dem Motto: use the thing to teach the thing. Eine Stunde, ein Thema, ein Pulk interessierter Menschen – hier, was wir zusammen erlebt haben:

Connections: Trau Dich!

Wichtig fĂŒr einen guten Einstieg in Kurse, Trainings und Workshops: von Anfang an Teilnehmer miteinander verbinden. Und Teilnehmer mit dem Thema verbinden. Und natĂŒrlich die Verbindungen zwischen dem Thema und den persönlichen Zielen der Teilnehmer kennen lernen – was ist ihnen wichtig, was eher nicht?

Leichter gesagt als getan, denn ĂŒblich sind bestenfalls Kaffeetische fĂŒr allgemeine GesprĂ€che vor Kursbeginn – was zumindest schon einmal die Menschen untereinander verbinden hilft. Wer jetzt zu „Icebreakern“ greift, also vermeintlich netten „Kennlernspielen“ könnte schon die HĂ€lfte des Publikums verlieren, oder, noch schlimmer, aufs passive Konsumieren einstimmen. Also, mutig sein! Ich entscheide mich fĂŒr ein Experiment und bereite Trau-Dich-PĂ€ckchen vor – Überraschungseier fĂŒr Erwachsene, sozusagen.

Da wir einen recht kleinen Raum ohne Tische haben, werden jeweils 5-6 StĂŒhle vorab in Vanillekipferl-Anordnung zusammengerĂŒckt, damit sich kleine GrĂŒppchen bilden können. Ich hoffe auf die natĂŒrliche Neugier und lege die Trau-Dich-PĂ€ckchen auf den StĂŒhlen aus. Jetzt heißt es Geduld haben und die ersten Minuten eben nicht selber die Initiative zu ergreifen. Nach ein paar Minuten schreibe ich rot und fett TRAU DICH! auf ein Flipchart, verlasse den Raum wieder und warte gespannt, was passiert.

Ganz oben im PĂ€ckchen: eine AktivitĂ€t, die ich Name the Trumps genannt habe. Die „TrĂŒmpfe“ sind sechs Lernprinzipien, die bei Training from the BACK of the Room! sehr nĂŒtzlich sind. Sie hĂ€ngen als ĂŒberdimensionale Spielkarten an der Wand, mit einem Bild, aber noch ohne jeden Text. Die Teilnehmer finden im PĂ€ckchen ein KĂ€rtchen mit einer grĂŒnen Haftnotiz und einer knappen Anleitung:

  • Schau die 6 Trumpfkarten an den WĂ€nden an und denk Dir einen Namen fĂŒr jede aus. Ein Beispiel wĂ€re: „KĂŒrzer schlĂ€gt lĂ€nger“.
  • Diskutiere Deine Ideen mit jemandem & notiere sie hier unten.
  • Kleb die grĂŒne Haftnotiz (s. RĂŒckseite) unter Deine Lieblingskarte.

Es funktioniert: alle reden miteinander, statt abwartend auf mich zu starren. Sie gehen an den WÀnden entlang und diskutieren die aufgehÀngten Trumpfkarten, nach und nach kleben mehr und mehr Haftnotizen an der Wand, die Stimmung ist fröhlich und gelöst. Und: ich kann vorab erkennen, was (niemanden) interessiert.

Concepts: Sechs TrĂŒmpfe

In konventionellen Trainings werden den Teilnehmern relativ viele neue Konzepte erlĂ€utert, bevor sie aktiv werden dĂŒrfen. Training from the BACK of the Room! propagiert hier das absolute Minimum. Wenn das Lernziel zum Beispiel lautet: „Die Teilnehmer bauen Neuschwanstein aus LEGO nach“, dann muss der Trainer zunĂ€chst nicht viel mehr tun als mal zwei LEGO-Steine demonstrativ zusammenzustecken. Bei vielen Kursthemen ist nicht einmal das nötig.

KĂŒrzer schlĂ€gt lĂ€nger
KĂŒrzer schlĂ€gt lĂ€nger

Also: die Lernzeit der Teilnehmer maximieren! Mich interessiert, welche Lernprinzipien sie aus den unbeschrifteten Trumpfkarten an den WĂ€nden fĂŒr sich erkannt haben. Was liegt nĂ€her, als alle in einer Shout-out-AktivitĂ€t einfach danach zu fragen? Ich halte die Trumpfkarten hoch und alle rufen Ihre notierten Ideen dazu einfach in den Raum. Ich bin baff, welches Spektrum zusammenkommt. Kaum zwei gleiche Interpretationen, und viel Heiterkeit, als ich jeweils die „offizielle“ Interpretation der sechs TrĂŒmpfe verkĂŒnde:

  1. Bewegung schlÀgt Stillsitzen (Movement Trumps Sitting)
  2. Mitreden schlÀgt Anhören (Talking Trumps Listening)
  3. Bild schlÀgt Wort (Images Trump Words)
  4. Notieren schlÀgt Mitlesen (Writing Trumps Reading)
  5. KĂŒrzer schlĂ€gt lĂ€nger (Shorter Trumps Longer)
  6. Anders schlÀgt Einerlei (Different Trumps Same)

[Die Karten dazu gibt es ĂŒbrigens hier unten als PDF-Anhang, zum Download!]

Ich erlĂ€utere den Teilnehmern noch kurz die Phasen, die wir gerade durchlaufen (Connections; Concepts; Concrete Practice; Conclusions) und nehme mich fĂŒr die nĂ€chste Phase wieder zurĂŒck – Training from the BACK of the Room! im wahrsten Sinne des Wortes.

Concrete Practice: Warum ist ein Trumpf ein Trumpf?

Die Teilnehmer finden fĂŒr ihre Notizen und Skizzen zu den TrĂŒmpfen sechs leere Spielkarten in ihrem PĂ€ckchen, mit Farbstiften. Daneben noch unterschiedliche kleine Toys, denn Du lernst auch mit den HĂ€nden. Manche HĂ€nde brauchen sogar etwas zum Drehen, Ziehen, Herumspielen, damit ihre Besitzerinnen und Besitzer sich gut auf etwas ganz Anderes konzentrieren können. Wer nicht mag, lĂ€sst sein Toy eben einfach im PĂ€ckchen. Oder tauscht es gegen etwas Ansprechenderes.

Die GrĂŒppchen ziehen jeweils verdeckt  eine beschriftete Trumpfkarte und ich bitte sie darum, innerhalb von 5 Minuten 3-5 Ideen zu sammeln, weshalb der jeweilige Lerntrumpf wohl das Lernen effektiver macht. Die Eigenverantwortung wird deutlich: kein GrĂŒppchen bleibt still.

Anschließend fasst aus jeder Gruppe jemand die Ideen vor allen Teilnehmern zusammen. Jeder kritzelt und notiert dabei das mit, was individuell wichtig erscheint, auf den leeren Spielkarten. Manche malen Mindmaps, manche schreiben einfache Listen, manche zeichnen.

Notieren schlÀgt Mitlesen
Notieren schlÀgt Mitlesen

Technisch gesehen gehört eine solche AktivitĂ€t in die Schublade Table Teach-Back: Tischgruppen bereiten ein Teilthema fĂŒr andere Tischgruppen auf – das Lernen wird so verstĂ€rkt, weil das Thema 3x durch den Kopf wandert: beim Hören, beim Durchdenken, beim ErlĂ€utern fĂŒr andere.

Bohrende Fragen

Was tun dann ĂŒberhaupt noch Trainerin und Trainer? ist die meist gestellte Frage. Und noch: Muss man nicht Fehler und MissverstĂ€ndnisse sofort korrigieren? Die Antworten sind einfach: viel; und nein, nicht sofort, sondern im Anschluss.

  • Wer seine Kurse, Workshops und Trainings nach Training from the BACK of the Room! gestaltet merkt schnell, dass die Vorbereitung genauso viel Arbeit macht wie bei konventionellen Methoden. Aber sie macht auch auch doppelt so viel Spaß!
  • MissverstĂ€ndnisse und Fehler gehören zum Lernen dazu. Trainerin und Trainer können nicht stellvertretend fĂŒr die Teilnehmer Rad fahren lernen. Es ist Traineraufgabe, den Teilnehmern die Sicherheit zu geben, dass Fehler und  IrrtĂŒmer völlig in Ordnung sind und dass fĂŒr die letzten Details und Korrekturen immer ein kompetenter GesprĂ€chspartner mitdenkt. Der nicht als erster und laufend be-lehrt, sondern nach dem Motto mitmischt: Three before me. Oder sich wenigstens sagt: Two before you.

Die Teilnehmer bei meiner Session auf dem Mathema Campus tragen von alleine so gut wie alles zusammen, was es zu lernen gibt: ich streiche beim Zuhören gut gelaunt einen Punkt nach dem anderen von meiner Liste und muss nur wenig nach schieben, nichts korrigieren.

Beispielsweise ergĂ€nze ich noch, bei Notieren schlĂ€gt Mitlesen„:

  • Notiert wird Wissen, mitgelesen nur Information. Gleich wie gut eine Zusammenfassung von Trainerin und Trainer auch sein mag: erst mit den eigenen Worten der Teilnehmer ist  Wissen entstanden.
  • Notizen, Skizzen und Gekritzel sind individuell, physisch, visuell und an einem bestimmten Ort festgehalten. Lerner können sich oft sogar noch an die Stelle auf einem Blatt Papier erinnern, an der sie etwas Wichtiges fixiert haben – und an die Farben. Das verankert ihr Wissen viel tiefer als jede noch so unterhaltsame PrĂ€sentation.

Bei der Trumpfkarte „Bewegung schlĂ€gt Stillsitzen“ riskiere ich, weil es hier (!) genau (!) dazu passt, eine knalligere AktivitĂ€t zur Verdeutlichung: Ich verteile A4-BlĂ€tter und bitte alle, fĂŒr jemand anderen ein Geschenk zu malen: „Bewegung schlĂ€gt Stillsitzen“ mit einem Smiley daneben. Wer fertig ist, möge bitte aufstehen. Ich zerknĂŒlle vor allen demonstrativ meine eigene Zeichnung: „Macht’s mir einfach nach! Sieht aus wie ein Schneeball, oder? Und was macht man … mit einem Schneeball?“ Zu den KlĂ€ngen von  007 von Fanfare Ciocărlia tobt eine minutenlange Schneeballschlacht! Die Geschenke sind dann gut durchmischt…

Als Coach und Trainer habe ich mittlerweile akzeptiert, dass ich fĂŒr diesen Weg oft erst Wochen nach einem Workshop Anerkennung bekomme. Viele tun sich schwer, zwischen Lernprinzipien (wie den sechs TrĂŒmpfen) und den Myriaden möglicher AktivitĂ€ten dazu zu unterscheiden. Bei manchen ist die spontane Reaktion eher: Was macht der eigentlich noch, wir machen doch hier alles?! Oder: Das könnte man doch in der HĂ€lfte der Zeit durchnehmen!!! Oder, verunsichert: Was soll der Kindergarten?!

Und es stimmt! Die Teilnehmer machen so viel wie möglich, denn Ihr Lernen ist das Ziel. Stimmt auch: durchnehmen könnte man doppelt soviel, in derselben Zeit – bloß verstehen und  lernen eben nicht. Und der Kindergarten? Stimmt doch: Dein Kind sollte dort lieber ordentlich durch die Mangel gedreht werden, damit es was fĂŒrs Leben lernt! Äh… Moment mal: Könnte es sein, dass man vieles dort so macht, gerade weil es eben funktioniert? Und welchem Denkverbot fĂŒgst Du Dich, wenn Du das vor Dir selbst und vor anderen lĂ€cherlich machst?

Conclusions: Auswerten, diskutieren, planen ist Trumpf

Wir diskutieren am Schluss, was die Teilnehmer aus ihrem eigenen Alltag kennen, was sie nutzen könnten, wo sie skeptisch sind. Die meisten sind nach einer Stunde immer noch hellwach und begeistert. WĂŒrden sie Training from the Back of the Room! weiterempfehlen? Falls ja, warum?

Lernerfolg viel höher. Konzept als Framework gefÀllt.

Weil es ganz anders als andere VortrĂ€ge in Erinnerung bleibt, und Eigeninitiative bringt SelbstwertgefĂŒhl ins Spiel.

Man kann – egal in welcher Form man trainierend tĂ€tig ist – ein paar schöne Inspirationen mitnehmen.

Aber es gibt auch kritische Stimmen: ob das wohl fĂŒr alle Gelegenheiten passt? Ob das nur alter Wein in neuen SchlĂ€uchen ist? Ob es zu aufwendig wĂ€re, ein Buch zu diesem Thema zu lesen oder einen Kurs dazu zu belegen?

NatĂŒrlich bin ich selber begeistert, schließlich bin ich ja zertifizierter Trainer fĂŒr Training from the BACK of the Room! Ich schlage also einfach vor, sich die selbst erlebten (und gehaltenen!) Kurse, Workshops und Trainings noch einmal vor Augen zu fĂŒhren: haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das gelernt, was sie wollten? Waren sie wach im Kopf oder wie leicht narkotisiert? Haben sich Coaches und Trainer konsequent ĂŒber eine hirnfreundliche Lernumgebung Gedanken gemacht, oder nur bruchstĂŒckweise, nach der Devise „Amerikanische Forscher haben herausgefunden…“?

Wer sich mit Training as usual wohl fĂŒhlt und damit seine Ziele erreicht, braucht Training from the BACK of the Room! nicht und könnte hier aufhören, zu lesen. FĂŒr wen das nicht gilt:

Lust darauf, als Trainer weiter zu wachsen?

Du kannst an einem unserer ungewöhnlichen Trainings teilnehmen und ein noch besserer Trainer werden. Der Clou: Du wirst dabei hoch motivierte, gleichgesinnte Trainer und Coaches treffen. FĂŒr Schnellentschlossene gobt es immer FrĂŒhbucher-Rabatte.

Sehen wir uns?

Die Trumpfkarten zum Download: The Six TrumpsÂź Cards Deutsch

Wissenstransfer mit Shu-Ha-Ri-Sprints

Agile Teams leben in der Grauzone: Skills und Aufgaben sind keine Frage von Schwarz oder Weiß, ich oder Du.

Wenn die Testerin zum „Bottleneck“ wird, weil Entwickler nicht wissen (wollen), wie man ein Testskript anwirft: schlecht fĂŒrs Ziel. Wenn der Product Owner (PO) keinen Sinn darin sieht, von Anfang an mit der Testerin an brauchbaren Akzeptanzkriterien zu feilen: schlecht fĂŒrs Ziel. Wenn die Testerin zwar programmieren könnte, aber sich strĂ€ubt, auch mal Unittests zu erweitern: schlecht fĂŒrs Ziel.

Der Scrum Guide sagt:

UnabhĂ€ngig von der verrichteten Arbeit werden die Mitglieder des Entwicklungs-Teams als Entwickler bezeichnet. Scrum sieht keine anderen Titel fĂŒr die Mitglieder eines Entwicklungs-Teams vor; es gibt keine Ausnahme von dieser Regel

Das bedeutet fĂŒr das interdisziplinĂ€re Team eben nicht, dass jeder wirklich alles und noch dazu gleich gut können muss. Es bedeutet, dass jeder zu jedem Zeitpunkt Meister, Geselle und Azubi zugleich ist, nur eben auf unterschiedlichen Gebieten – und immer wieder von neuem.

Agiles Teamwork lebt von dieser Grauzone. Davon, dass nicht danach gefragt wird, wer fĂŒr das Erreichen des Ziels verantwortlich ist, weil die Antwort ohnehin klar ist: das gesamte Team.

Wann immer das Schwarz-oder-Weiß-Spiel („Was soll ich denn noch alles können?“, „Das ist nicht mein Job!“, …) gespielt wird, um letztlich gar nichts außerhalb der eigenen Expertise kennen lernen zu mĂŒssen: schlecht fĂŒrs Ziel. Eine meiner wichtigsten Fragen an jedes Team ist deshalb: wie spielt Ihr denn statt dessen das Meister-Geselle-Azubi-Spiel, so dass es funktioniert?

Shu-Ha-Ri-Sprints: lernen, verstehen, vermitteln

Ein interessanter Weg neben z.B. Workshops, Schulungen und Communities of Practice (CoPs): das Team erklÀrt jeden Sprint zu einem Shu-, Ha- oder Ri-Sprint, rotierend.

  • WĂ€hrend eines Shu-Sprints (von 柈 shu, befolgen) betrachtet sich jedes Teammitglied als „Azubi“ und wĂ€hlt ein Wissensgebiet, zu dem es einen im Team allseits anerkannten Meister um die Zusammenarbeit bei einem entsprechenden Task bittet. Bist Du selbst der einzige Meister, dann befolgst Du Deine eigenen Lessons Learned oder die Literatur, die Du fĂŒr maßgeblich hĂ€ltst, fĂŒr diesen Sprint ĂŒbergenau und achtest darauf, wo Du vielleicht schlampig oder ĂŒberheblich geworden bist.
    (Wieder) lernen durch Achtsamkeit ist das Ziel.
  • In einem Ha-Sprint (von ç Ž ha, sich lösen) betrachtet sich jedes Teammitglied als „Geselle“, reflektiert und notiert bei jedem Task, welche Praktiken, Techniken und Konventionen des Teams den Prinzipien des agilen Manifests gerecht werden und welche nicht.
    Die Zusammenarbeit besser verstehen durch Achtsamkeit ist das Ziel.
  • In einem Ri-Sprint (von 雱 ri, transzendieren) betrachtet sich jedes Teammitglied als „Meister“ und ĂŒberlĂ€sst gezielt die Hauptarbeit an einem Task, fĂŒr den es selbst am besten geeignet wĂ€re, einem „Azubi“. Es gelten keine kurzfristigen Kosten-, Geschwindigkeits- oder FehlertrĂ€chtigkeits-Ausreden.
    Respekt, Mut und Offenheit durch aufmerksames Coachen zu leben ist das Ziel.

In jeder Sprint-Retrospektive sammelt das Team die Erfahrungen des Einzelnen damit. Und es wird nach meiner Erfahrung einiges zusammengetragen, was zu wichtigen Erkenntnissen fĂŒhrt. Ein Wissenstransfer findet ganz nebenbei statt, beim Arbeiten (Tasks), nicht statt dessen (Workshop, Schulung).

Warum wird der gesamte Sprint unter ein entsprechendes Motto gestellt? Warum darf sich nicht jeder in jedem Sprint frei zwischen Shu, Ha und Ri entscheiden?

Die strikte Regel bietet mehrere Vorteile:

  • die Rotation des gesamten Teams zwischen den dreien verringert Statusgehabe und macht klar, dass a) jeder ein respektabler Fachmensch auf seinem Gebiet ist und b) es zum Status des „Meisters“ gehört, zu coachen;
  • die Retrospektiven zerfasern nicht und fokussieren, in Rotation, jeweils auf Shu, Ha oder Ri;
  • kein Teammitglied kann ewig Azubi bleiben;
  • da es keinen Meister ohne Azubi (und umgekehrt) gibt, findet in Shu- und Ri-Sprints laufend ein intensiver Rollenwechsel statt; und
  • da sich niemand in einem Ha-Sprint als Meister oder Azubi definieren (lassen) muss, schĂ€rft jeder dritte Sprint den gleichberechtigten Blick aller darauf, ob wirklich schon, noch oder wieder agil gearbeitet wird.

Welche Wege habt Ihr gefunden, Euer Meister-Geselle-Azubi-Spiel zu spielen?

Hier stinkt’s! Platz 10: FĂŒr immer Azubi

Ja, tatsĂ€chlich: ich bin großartig. Schwierige Momente und Missionen löse ich lĂ€ssig und unaufgeregt. Unfassbar sicher ist mein Auftreten.

WĂ€hrend das Team noch rĂ€tselt, wĂ€hrend die FĂŒhrungsriege mich mit flehenden Augen ansieht, sind mir die Lösungen schon in der Sekunde klar, in der das erste Wort ĂŒber ein mögliches Problem fĂ€llt. Sagte ich gerade „Problem“? Ich meinte natĂŒrlich: Petitesse.

Mein Dauerzustand entspannter Unterforderung weicht nur fĂŒr einen flĂŒchtigen Augenblick, wenn ich die Verzweifelnden (wie ĂŒblich) mit einer fabelhaften, den Tag rettenden Geste aufrichte und in meinen Bann ziehe.

Und dann klingelt der Wecker. Ich wache auf, und das echte Leben beginnt.

Jammerschade – spĂ€testens nach der PubertĂ€t hat Hollywood wohl ausgedient und Platz gemacht fĂŒr den Klassiker „Übung macht den Meister“. Das hat man verstanden und verinnerlicht.

Oder etwa nicht?

Symptome: wie es zu mĂŒffeln beginnt

Meistens zeigt die Verinnerlichung Wirkung. Gelegentlich aber durchschauen und beherrschen wir alles, was jemals erdacht und erfunden wurde, aus dem Stegreif. Gerade bei simplen Dingen wie Scrum, Extreme Programming oder Kanban ist völlig offensichtlich, welch grobe Schnitzer sich die jeweiligen Erfinder geleistet haben und aus unerfindlichen GrĂŒnden zu korrigieren weigern. Selbst wenn sie dazu alles Nötige von uns erfahren könnten, wĂŒrden sie uns auch nur einmal um geistigen Beistand bitten:

  • Mit Post-Its, Karteikarten und Stiften arbeiten? Unprofessionell! Wozu gibt’s Software?!“
  • 19 Seiten Scrum Guide einhalten? Funktioniert bei uns nicht! Jedenfalls nicht, bevor wir das tayloren und customizen (wie die anderen 500-Seiten-Methodiken vorher auch).“
  • Jeden Tag eine Viertelstunde Standup-Meeting, fĂŒr alle? Nur wegen Statusreporting? Wir reden sowieso den ganzen Tag miteinander…“
  • Anderthalb Stunden retrospektive Nabelschau, therapeutisches Miteinander-Reden? Alle 2 Wochen? Wozu haben wir unser betriebliches Vorschlagswesen?!“
  • Wir machen ab sofort Scrum! Aber mit dreimonatigen Sprints, nur einmal Standup Meeting pro Woche, eindeutigen Arbeitspaketverantwortlichen und fixer Releasecontainerbeplanung 4 Monate vorab – eben einfach professionelles Scrum, mit allem, was naives Scrum bisher strĂ€flich vernachlĂ€ssigt!“

Klingt vertraut? Selber schon so etwas gedacht und gesagt? UnerklĂ€rlich, weshalb „nach unserer Umstellung auf AgilitĂ€t“ mehr und mehr so lĂ€uft wie frĂŒher – nur noch schlimmer?

Ursachen fĂŒr mĂŒffelnde AgilitĂ€t, Platz 10: FĂŒr immer Azubi

Wie in einem Metier die Stationen bis zum „Richtig gut“ aussehen, dazu gibt es einige Modelle. Die BrĂŒder Stuart und Hubert Dreyfus beschreiben 5 Stufen (schön erlĂ€utert bei Werner Stangl):

  1. AnfÀnger (Novice)
  2. Fortgeschrittener AnfÀnger (Advanced Beginner)
  3. kompetent Handelnder (Competence)
  4. Erfahrener (Proficiency)
  5. Experte (Expertise)

Etwas gröber, dafĂŒr noch eingĂ€ngiger, lauten die seit dem Mittelalter klassischen Stufen:

  1. Lehrling
  2. Geselle
  3. Meister

Wie lange braucht man zum Experten und Meister? Als Faustregel kann man mit rund 10.000 Stunden intensiver BeschĂ€ftigung rechnen. Beruflich gesehen sind das umgerechnet knapp 62 Arbeitsmonate, etwas ĂŒber 5 Jahre also. Jahre, bis man agiles Arbeiten wirklich verinnerlicht hat? Das kann man einsehen und respektieren – muss man aber nicht.

FĂŒr manche kratzt es arg am beruflichen Ego, zusammen mit oder gar – Himmel! – von anderen etwas lernen zu mĂŒssen. Mag sein, dass sogar Leonardo etwas laufend ĂŒben musste. um es zu verstehen und zu beherrschen. Aber doch nicht ich!

Shortcut Impossible

Das BedĂŒrfnis, ohne MĂŒhe simple Rezepte mit klaren Erfolgsaussichten nachzukochen und dafĂŒr umgehend belohnt zu werden, hat keine Chance auf ErfĂŒllung. Weder durch Bienenfleiß beim BĂŒcherkonsum, noch mittels Durchdenkdelegation an Berater, noch durch munteres Mischen von Methodenmoden.

Wer seine Einsteiger-Stadien nicht liebt, lebt und letztlich hinter sich lĂ€sst, bleibt eben ewiger Azubi, unzufrieden mit jeder Methode, dabei aber von wenig Selbstzweifel geplagt. Klare und banale Ursache – doch von vielen so wenig beachtet wie die Fensterscheibe von der Fliege.

Wieso kommt man trotzdem derartig mĂŒffelnd durch’s agile Leben?

Aus demselben Grund, aus dem auch mittelmĂ€ĂŸige Handwerker,  mittelmĂ€ĂŸige Softwareentwickler, mittelmĂ€ĂŸige Unternehmen durchkommen: Weil es zum Leben reicht – und nicht das Leben kostet. Wer damit kein Problem hat, hat damit schon die Lösung. FĂŒr alle anderen hier ein Vorschlag.

Lösungsmöglichkeit

Lerne, das Paradox zu lieben: wer nicht als ewiger Einsteiger gelten will, muss immer wieder einer werden. Je neugieriger, desto besser. Was heißt das, konkret?

ZurĂŒck ins Mittelalter. Oder in den fernen Osten.

Egal, wie gut Du bist: Lehrling, Geselle und Meister bleibst Du immer. Nur das Thema und Dein Stadium wechseln. Gut, wenn Du die typischen BedĂŒrfnisse jeder Stufe immer vor Augen hast und sie bei anderen wie bei Dir selbst respektierst:

  • als agiler Lehrling hoffst Du auf einfache Regeln, Rollen und Artefakte, die den Erfolg garantieren. Du bist verunsichert, wenn Du Dich mustergĂŒltig an alle Regeln gehalten, aber Deine Aufgabe trotzdem nicht erfolgreich zu ende gebracht hast. Du brauchst Ermutigung dafĂŒr, dass Du immer mehr Dinge immer öfter richtig machst.
  • als agiler Geselle lernst Du immer besser, Deine Werkzeuge passend zur Situation zu wĂ€hlen, anhand von Prinzipien. Du bist verunsichert, wenn Du keine Idee hast, wie Du eine Aufgabe bewĂ€ltigen sollst – und wenn offenbar auch niemand sonst aus der ganzen Community eine solche Idee hat. Du brauchst Ermutigung dafĂŒr, dass Du keinen offenkundigen Unsinn bis zum bitteren Ende durchexerzierst, sondern Verantwortung ĂŒbernimmst. Gelegentlich auch mal ohne Erfolg.
  • als agiler Meister bist Du Dir nicht mehr bewusst, nach Prinzipien zu handeln. Deine Handlungen fließen direkt aus Deinen Wertvorstellungen und Deiner Erfahrung.  Du brauchst konstruktive, harte Kritik, wenn Du langsamer Fortschritte machst als Dir möglich wĂ€re. Du brauchst auch Lehrlinge, die in naher Zukunft einmal besser sein werden als Du je warst.

Es lohnt sich, dem eigenen Ego so lange diesen lebenslangen, auf den verschiedensten Gebieten wiederkehrenden Zyklus vor Augen zu fĂŒhren, bis es zu murren aufhört und ihn genießen kann.

Zu altbacken fĂŒr Dich?  Gut, dann beschreibe ich es vielleicht einmal so:

Was Du ab heute tun könntest

Fange an:

  • Wem wirst Du heute etwas weiter geben und ĂŒberlassen?
  • Welche Alternativen wirst Du heute nĂ€her betrachten?
  • Was wirst Du heute aufmerksam ĂŒben?

Pragmatic Teams

Was fĂŒr Leute möchte man im Team haben?

Was macht ein gutes Team aus?

Es ist pragmatisch. Es hĂ€lt sich an ein paar einfache, zeitlos gĂŒltige GrundsĂ€tze:

Richtig ist, was funktioniert

Relevant ist, was in der Praxis einen spĂŒrbaren Unterschied macht. Richtig ist, was heute mit Blick auf das Ganze funktioniert. Erkenne, was bereits gut genug ist und lasse es gut sein. Es entscheidet die Teambilanz, nicht Dein Einzelerfolg.

Immer in medias res

Komm ohne Umschweife zur Sache. Denk nicht nur ĂŒber den ersten Schritt nach, tu ihn. Sorge dafĂŒr, dass Du immer mutig die Richtung Ă€ndern kannst. Hole Dir von Anfang an offenes, ehrliches Feedback, von Mensch und Maschine. Erspare Dir und dem Team unnötiges Drama und schlampiges Heldentum, es gibt genĂŒgend echte BewĂ€hrungsproben fĂŒr Deine Talente und die der anderen im Team.

Du bist nie allein

Respektiere jedes Teammitglied und respektiere das Team. Das Team ist nicht anonym, und Du bist es auch nicht. Der Kunde ist Teil des Teams, seine Erwartungen stehen aber ĂŒber Deinen. Nur ein intaktes Team gibt Energie.

Nur die Teambilanz entscheidet, und Du trĂ€gst Verantwortung dafĂŒr: was um Dich herum kaputt geht, kaputt ist oder kaputt bleibt, wird frĂŒher oder spĂ€ter Dein persönliches Problem.

Liebe und lerne Dein Metier

Hab‘ Freude daran, dass Du in jeder Minute Lehrling, Geselle, und Meister in einem bist. Es ist keine Frage des Alters oder des Status‘, sondern der Neugier, der praktischen Übung und der Erfahrung. Deinen Wert bestimmst Du jeden Tag selbst mit.

Als Lehrling ĂŒbe die Grundlagen sorgfĂ€ltig ein, lerne die Hilfsmittel kennen und befolge die Regeln. Sei klug in der Wahl Deiner Meister. Als Geselle finde Lösungen und Alternativen. Vergiss nicht, dass Du immer auch Lehrling bist. Sei klug in der Wahl Deiner Freiheiten. Als Meister, sei eine Quelle der Inspiration. Vergiss nicht, dass Du immer auch Geselle und Lehrling bist. Sei klug in der Wahl Deiner Grenzen.