Heute kauf ich mir ein Zertifikat

A stack of certificates

Formulierungen wie „zertifizierter Scrum Master“, und „Certified Scrum Master (CSM), alternativ Professional Scrum Master (PSM) I“ tauchen immer öfter in Projekt- oder Stellenbeschreibungen auf, manchmal sogar unter der Rubrik must have. Das ist einerseits verstĂ€ndlich, weil jede/r sich einfach „Scrum Master“ nennen kann. Andererseits scheint wenig bekannt, was man sich unter „zertifiziert“ konkret vorstellen darf.

Um es einfach auszudrĂŒcken und es im entsprechenden Selbstversuch zu demonstrieren:

Ein zertifizierter Scrum Master ist jemand, der einen Multiple-Choice-Test bestanden hat. Je nach Geschmacksrichtung (Scrum Alliance: CSM; Scrum.org: PSM) ist ein vorheriger Anderthalb-Tages-EinfĂŒhrungskurs in Scrum zur Zeit dabei optional (Scrum.org) oder zwingend (Scrum Alliance).

CSM versus PSM I

Die beiden Varianten der Multiple-Choice-Tests schenken sich wenig, veranschlagte Zeit (60 Minuten), TestgebĂŒhr (100$, aber s.u.) und geistiger Anspruch (s.u.) sind bei beiden Unternehmen, pardon: Organisationen, deckungsgleich. Allerdings unterscheidet sich der Umfang spĂŒrbar:  35 Fragen fĂŒr den CSM-Titel, 80 fĂŒr den PSM I. Ebenso die fĂŒrs Bestehen nötige Quote richtiger Antworten: 69% fĂŒr den CSM-Titel, 85% fĂŒr den PSM I.

Zeitdruck und Quotendruck sind fĂŒr den PSM in spe also merklich höher – man darf wĂ€hlen: billiger und stressiger oder teurer und lockerer. Den CSM-Test kenne ich bereits, da ich einigen angehenden CSMs dabei ĂŒber die Schulter geschaut habe (nein, ich habe nicht beim Schummeln geholfen, sondern blieb ganz still). In eine kleine Auswahl der PSM-I-Testfragen kann man gratis hineinschnuppern, was sich dann Scrum Open Assessment nennt.

Ihr könnt es mir hoffentlich nachsehen, dass ich fĂŒr dieses Posting keinen „Certified Scrum Trainer“ (CST) der Scrum Alliance mit rund 1.400 € KursgebĂŒhr beglĂŒcken möchte, nur um anschließend 35 Fragen fĂŒr das CSM-Zertifikat beantworten zu dĂŒrfen. Das erste mal „Scrum Master“ war ich vor gut einem Dutzend Jahren, einen obligatorischen EinfĂŒhrungskurs vor einem Test ist mir dieses Posting daher nicht wert. Ich spare mir also den CSM-Kurs und wĂ€hle den PSM-I-Testparcour.

PlĂ€diere ich etwa gegen CSM- oder PSM-EinfĂŒhrungskurse generell? Ganz und gar nicht, in fokussierter AtmosphĂ€re mit einem guten Trainer die Grundlagen von Scrum kennen zu lernen ist eine gute Idee.

Die Multiple-Choice-Tests

NĂŒchtern und illusionslos gesprochen, prĂŒfen die Multiple-Choice-Tests bei beiden Organisationen im Wesentlichen folgende Dinge:

  1. ob man den offiziellen Scrum Guide (bei der Scrum Alliance bereits subtil relativiert durch Core Scrum) im Kopf prÀsent hat, inklusive feiner Details
    (wie etwa das „potentially“ in „potentially releasable“)
  2. ob man vor dem Klicken konzentriert die Fragen und alle Antworten bis zum Ende liest und dabei auch Verneinungen nicht ĂŒbersieht
    (etwa in „Which two (2) things does the Development Team not do during the first Sprint?“)

Beide Tests sind auf braves Auswendiglernen und minimales Transferwissen angelegt, oder, um es anders auszudrĂŒcken: sie sind Tests auf der Shu-Ebene, mit einer Prise Ha. Wo ein Scrum Master mit etwas echter Erfahrung agil antworten und sagen wĂŒrde „Lass uns das Team fragen“ sollte man im Test lieber nicht ins GrĂŒbeln geraten, sondern brav die Lehrbuch-Antwort herleiten und geben.

Maximal 3-4 Fragen erfordern echtes Übertragen von Wissen auf hypothetische Situationen. Daher wĂ€re es leider fĂŒr die MissionZertifizierung“ riskant, die eher simplen Fragen gedanklich mit (s)einer schwierigen UnternehmensrealitĂ€t verknĂŒpfen und entsprechend beantworten zu wollen. Merke: mit den Radiobuttons eines Multiple-Choice-Tests kannst Du nachtrĂ€glich nicht diskutieren. Was nicht bedeutet, dass sich hinter den Kulissen nach Kritik nichts Ă€ndert. Vergleiche zum Beispiel folgende zwei Fassungen einer Frage (von Scrum.org).

FrĂŒher:

Scrum Master is a management position?
A) True
B) False

Aktuell:

Scrum Master is a „management“ position?
A) True
B) False

Unterschied bemerkt? Wie hÀtte er Deine Antwort jeweils beeinflusst?

„Richtig“ ist ĂŒbrigens A). Zur Erinnerung: mit den Radiobuttons eines Multiple-Choice-Tests kannst Du nachtrĂ€glich nicht diskutieren.

„Und? Wie war’s?“

Scrum.org sagt:

Results for: Rolf F. Katzenberger
Title: PSM I
Score: 75 out of 80 points
Percentage: 94%
Duration: 00:30:59
Date started: Fri 5th Apr 2013 6:18am
Date finished: Fri 5th Apr 2013 6:49am

Feedback:
Congratulations! You have demonstrated a fundamental understanding of the roles, rules, artifacts, and time-boxes that bind together the Scrum framework. This qualifies for certification as a Professional Scrum Master I.

Passabel. Leider liefert Scrum.org unter Feedback nichts zu den aus seiner Sicht falschen Antworten; ich kann Euch also nicht berichten, wo ich geschlampt habe oder den Scrum Guide nochmal hÀtte durchlesen sollen. Apropos durchlesen: der Unterschied zwischen fundamental und profound ist klar?

Nach einer Investition von einer halben Stunde und umgerechnet 77 € darf ich mich jetzt also „Professional Scrum Master I“ nennen und ein hĂŒbsches Logo auf meiner Webseite zeigen.

Mindestens haltbar bis…

FĂŒr den CSM-Titel gilt:

There is not currently a continuing education requirement for the CSM certification.
In order to renew your certification and membership, you can use the green „Renew Membership“ button on your dashboard. It is $100 for two years.

Bei mittlerweile geschĂ€tzten 60.000 CSMs weltweit generiert dieser kleine grĂŒne Button also potentiell 3 Millionen $ Einnahmen pro Jahr. Ich gestehe unumwunden, dass ich die Scrum Alliance um dieses GeschĂ€ftsmodell beneide und tröste mich damit, dass ich wenigstens kein Tropfen in seinem revenue stream bin.

Der PSM-I-Titel hĂ€lt momentan lebenslĂ€nglich, ohne weitere Kosten. Sobald diese Geschmacksvariante dank Preisvorteil und MHD zahlenmĂ€ĂŸig mit dem CSM etwa gleich gezogen hat, rechne ich allerdings mit einer spontanen Erleuchtung seitens Scrum.org, dass nur ein obligatorischer EinfĂŒhrungskurs mit einer jĂ€hrlichen gebĂŒhrenpflichtigen Auffrischung auf Dauer den hohen QualitĂ€tsstandard beim PSM I garantieren könne. Derzeit existieren bereits an die 7.500 PSM-I-TiteltrĂ€ger weltweit, das VerhĂ€ltnis zu CSMs liegt also noch bei rund 1:8.

Mein Fazit

Wissen ist nicht gleich Können.

Liebe Personaler, CSM und PSM gehören nicht in Projekt- und Stellenausschreibungen. Achtet statt dessen genau darauf, welche Skills und Erfahrungen durch Entwicklungsarbeit und Berufserfahrung belegt sind. Wer eine Zertifizierung als must have in einer Ausschreibung fĂŒr Scrum Master auflistet, aber keine nachgewiesene Erfahrung verlangt, wird gerade von den erfahrenen Scrum Mastern nicht ernst genommen, die er gerne an Bord holen möchte.

Liebe angehende Scrum Master, ich kenne einige deutsche CSTs persönlich und empfehle deren CSM-Kurse oft und gerne. Aber nicht wegen des Zertifikats.

Liebe Scrum Alliance und Scrum.org, nie hĂ€tte ich mir vor 12 Jahren trĂ€umen lassen, kĂŒnftig so etwas erfrischend offen GeschĂ€ftstĂŒchtiges zu lesen wie heute Morgen von Sabine Canditt (CSM, CSP, CSC, CST), zum Thema Scrum Guide (Scrum.org) versus Core Scrum (Scrum Alliance):

scrum.org und die Scrum Alliance sind zwei unterschiedliche Organisationen mit unterschiedlichen Zertifizierungsprogrammen. Um voneinander unabhÀngig sein zu können, brauchen beide Organisationen eine Referenz, die der Zertifizierung zu Grunde liegt, und die sie selbst beeinflussen können.

Das trifft es wohl recht genau: Man benötigt zwei Definitionen von Scrum, damit zwei Organisationen zwei Arten von Zertifikaten verkaufen können.

Update 2014-09-24: Scrum Alliance, scrum.org und Scrum Inc. haben heute bekannt gegeben, dass sie sich wieder auf den Scrum Guide als gemeinsame Definition von Scrum geeinigt haben. Der Scrum Guide wird ab sofort unter scrumguides.org verfĂŒgbar sein.

Pragmatic Teams

Was fĂŒr Leute möchte man im Team haben?

Was macht ein gutes Team aus?

Es ist pragmatisch. Es hĂ€lt sich an ein paar einfache, zeitlos gĂŒltige GrundsĂ€tze:

Richtig ist, was funktioniert

Relevant ist, was in der Praxis einen spĂŒrbaren Unterschied macht. Richtig ist, was heute mit Blick auf das Ganze funktioniert. Erkenne, was bereits gut genug ist und lasse es gut sein. Es entscheidet die Teambilanz, nicht Dein Einzelerfolg.

Immer in medias res

Komm ohne Umschweife zur Sache. Denk nicht nur ĂŒber den ersten Schritt nach, tu ihn. Sorge dafĂŒr, dass Du immer mutig die Richtung Ă€ndern kannst. Hole Dir von Anfang an offenes, ehrliches Feedback, von Mensch und Maschine. Erspare Dir und dem Team unnötiges Drama und schlampiges Heldentum, es gibt genĂŒgend echte BewĂ€hrungsproben fĂŒr Deine Talente und die der anderen im Team.

Du bist nie allein

Respektiere jedes Teammitglied und respektiere das Team. Das Team ist nicht anonym, und Du bist es auch nicht. Der Kunde ist Teil des Teams, seine Erwartungen stehen aber ĂŒber Deinen. Nur ein intaktes Team gibt Energie.

Nur die Teambilanz entscheidet, und Du trĂ€gst Verantwortung dafĂŒr: was um Dich herum kaputt geht, kaputt ist oder kaputt bleibt, wird frĂŒher oder spĂ€ter Dein persönliches Problem.

Liebe und lerne Dein Metier

Hab‘ Freude daran, dass Du in jeder Minute Lehrling, Geselle, und Meister in einem bist. Es ist keine Frage des Alters oder des Status‘, sondern der Neugier, der praktischen Übung und der Erfahrung. Deinen Wert bestimmst Du jeden Tag selbst mit.

Als Lehrling ĂŒbe die Grundlagen sorgfĂ€ltig ein, lerne die Hilfsmittel kennen und befolge die Regeln. Sei klug in der Wahl Deiner Meister. Als Geselle finde Lösungen und Alternativen. Vergiss nicht, dass Du immer auch Lehrling bist. Sei klug in der Wahl Deiner Freiheiten. Als Meister, sei eine Quelle der Inspiration. Vergiss nicht, dass Du immer auch Geselle und Lehrling bist. Sei klug in der Wahl Deiner Grenzen.