Trau Dich: „Training from the BACK of the Room!“ auf dem Mathema Campus

Es gibt einige feine Unternehmen, die ĂŒber den Tellerrand hinaus schauen und jedes Jahr fĂŒr Kunden und Partner ein Event auf die Beine stellen, das viel mehr will als nur die eigenen Services und Produkte unters Volk zu bringen. Der Campus der Mathema Software GmbH ist so ein Event und ich habe mich auch dieses Jahr RIESIG ĂŒber die Ehre gefreut, eingeladen zu werden. Danke schön! Mein Thema dieses Jahr:

Training from the BACK of the Room! Lernt Ihr schon, oder nehmt Ihr noch durch?

Kurse, Workshops, Trainings so gestalten, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer möglichst gut lernen und viel mitnehmen können? Das probiere ich doch gerne aus, getreu dem Motto: use the thing to teach the thing. Eine Stunde, ein Thema, ein Pulk interessierter Menschen – hier, was wir zusammen erlebt haben:

Connections: Trau Dich!

Wichtig fĂŒr einen guten Einstieg in Kurse, Trainings und Workshops: von Anfang an Teilnehmer miteinander verbinden. Und Teilnehmer mit dem Thema verbinden. Und natĂŒrlich die Verbindungen zwischen dem Thema und den persönlichen Zielen der Teilnehmer kennen lernen – was ist ihnen wichtig, was eher nicht?

Leichter gesagt als getan, denn ĂŒblich sind bestenfalls Kaffeetische fĂŒr allgemeine GesprĂ€che vor Kursbeginn – was zumindest schon einmal die Menschen untereinander verbinden hilft. Wer jetzt zu „Icebreakern“ greift, also vermeintlich netten „Kennlernspielen“ könnte schon die HĂ€lfte des Publikums verlieren, oder, noch schlimmer, aufs passive Konsumieren einstimmen. Also, mutig sein! Ich entscheide mich fĂŒr ein Experiment und bereite Trau-Dich-PĂ€ckchen vor – Überraschungseier fĂŒr Erwachsene, sozusagen.

Da wir einen recht kleinen Raum ohne Tische haben, werden jeweils 5-6 StĂŒhle vorab in Vanillekipferl-Anordnung zusammengerĂŒckt, damit sich kleine GrĂŒppchen bilden können. Ich hoffe auf die natĂŒrliche Neugier und lege die Trau-Dich-PĂ€ckchen auf den StĂŒhlen aus. Jetzt heißt es Geduld haben und die ersten Minuten eben nicht selber die Initiative zu ergreifen. Nach ein paar Minuten schreibe ich rot und fett TRAU DICH! auf ein Flipchart, verlasse den Raum wieder und warte gespannt, was passiert.

Ganz oben im PĂ€ckchen: eine AktivitĂ€t, die ich Name the Trumps genannt habe. Die „TrĂŒmpfe“ sind sechs Lernprinzipien, die bei Training from the BACK of the Room! sehr nĂŒtzlich sind. Sie hĂ€ngen als ĂŒberdimensionale Spielkarten an der Wand, mit einem Bild, aber noch ohne jeden Text. Die Teilnehmer finden im PĂ€ckchen ein KĂ€rtchen mit einer grĂŒnen Haftnotiz und einer knappen Anleitung:

  • Schau die 6 Trumpfkarten an den WĂ€nden an und denk Dir einen Namen fĂŒr jede aus. Ein Beispiel wĂ€re: „KĂŒrzer schlĂ€gt lĂ€nger“.
  • Diskutiere Deine Ideen mit jemandem & notiere sie hier unten.
  • Kleb die grĂŒne Haftnotiz (s. RĂŒckseite) unter Deine Lieblingskarte.

Es funktioniert: alle reden miteinander, statt abwartend auf mich zu starren. Sie gehen an den WÀnden entlang und diskutieren die aufgehÀngten Trumpfkarten, nach und nach kleben mehr und mehr Haftnotizen an der Wand, die Stimmung ist fröhlich und gelöst. Und: ich kann vorab erkennen, was (niemanden) interessiert.

Concepts: Sechs TrĂŒmpfe

In konventionellen Trainings werden den Teilnehmern relativ viele neue Konzepte erlĂ€utert, bevor sie aktiv werden dĂŒrfen. Training from the BACK of the Room! propagiert hier das absolute Minimum. Wenn das Lernziel zum Beispiel lautet: „Die Teilnehmer bauen Neuschwanstein aus LEGO nach“, dann muss der Trainer zunĂ€chst nicht viel mehr tun als mal zwei LEGO-Steine demonstrativ zusammenzustecken. Bei vielen Kursthemen ist nicht einmal das nötig.

KĂŒrzer schlĂ€gt lĂ€nger
KĂŒrzer schlĂ€gt lĂ€nger

Also: die Lernzeit der Teilnehmer maximieren! Mich interessiert, welche Lernprinzipien sie aus den unbeschrifteten Trumpfkarten an den WĂ€nden fĂŒr sich erkannt haben. Was liegt nĂ€her, als alle in einer Shout-out-AktivitĂ€t einfach danach zu fragen? Ich halte die Trumpfkarten hoch und alle rufen Ihre notierten Ideen dazu einfach in den Raum. Ich bin baff, welches Spektrum zusammenkommt. Kaum zwei gleiche Interpretationen, und viel Heiterkeit, als ich jeweils die „offizielle“ Interpretation der sechs TrĂŒmpfe verkĂŒnde:

  1. Bewegung schlÀgt Stillsitzen (Movement Trumps Sitting)
  2. Mitreden schlÀgt Anhören (Talking Trumps Listening)
  3. Bild schlÀgt Wort (Images Trump Words)
  4. Notieren schlÀgt Mitlesen (Writing Trumps Reading)
  5. KĂŒrzer schlĂ€gt lĂ€nger (Shorter Trumps Longer)
  6. Anders schlÀgt Einerlei (Different Trumps Same)

[Die Karten dazu gibt es ĂŒbrigens hier unten als PDF-Anhang, zum Download!]

Ich erlĂ€utere den Teilnehmern noch kurz die Phasen, die wir gerade durchlaufen (Connections; Concepts; Concrete Practice; Conclusions) und nehme mich fĂŒr die nĂ€chste Phase wieder zurĂŒck – Training from the BACK of the Room! im wahrsten Sinne des Wortes.

Concrete Practice: Warum ist ein Trumpf ein Trumpf?

Die Teilnehmer finden fĂŒr ihre Notizen und Skizzen zu den TrĂŒmpfen sechs leere Spielkarten in ihrem PĂ€ckchen, mit Farbstiften. Daneben noch unterschiedliche kleine Toys, denn Du lernst auch mit den HĂ€nden. Manche HĂ€nde brauchen sogar etwas zum Drehen, Ziehen, Herumspielen, damit ihre Besitzerinnen und Besitzer sich gut auf etwas ganz Anderes konzentrieren können. Wer nicht mag, lĂ€sst sein Toy eben einfach im PĂ€ckchen. Oder tauscht es gegen etwas Ansprechenderes.

Die GrĂŒppchen ziehen jeweils verdeckt  eine beschriftete Trumpfkarte und ich bitte sie darum, innerhalb von 5 Minuten 3-5 Ideen zu sammeln, weshalb der jeweilige Lerntrumpf wohl das Lernen effektiver macht. Die Eigenverantwortung wird deutlich: kein GrĂŒppchen bleibt still.

Anschließend fasst aus jeder Gruppe jemand die Ideen vor allen Teilnehmern zusammen. Jeder kritzelt und notiert dabei das mit, was individuell wichtig erscheint, auf den leeren Spielkarten. Manche malen Mindmaps, manche schreiben einfache Listen, manche zeichnen.

Notieren schlÀgt Mitlesen
Notieren schlÀgt Mitlesen

Technisch gesehen gehört eine solche AktivitĂ€t in die Schublade Table Teach-Back: Tischgruppen bereiten ein Teilthema fĂŒr andere Tischgruppen auf – das Lernen wird so verstĂ€rkt, weil das Thema 3x durch den Kopf wandert: beim Hören, beim Durchdenken, beim ErlĂ€utern fĂŒr andere.

Bohrende Fragen

Was tun dann ĂŒberhaupt noch Trainerin und Trainer? ist die meist gestellte Frage. Und noch: Muss man nicht Fehler und MissverstĂ€ndnisse sofort korrigieren? Die Antworten sind einfach: viel; und nein, nicht sofort, sondern im Anschluss.

  • Wer seine Kurse, Workshops und Trainings nach Training from the BACK of the Room! gestaltet merkt schnell, dass die Vorbereitung genauso viel Arbeit macht wie bei konventionellen Methoden. Aber sie macht auch auch doppelt so viel Spaß!
  • MissverstĂ€ndnisse und Fehler gehören zum Lernen dazu. Trainerin und Trainer können nicht stellvertretend fĂŒr die Teilnehmer Rad fahren lernen. Es ist Traineraufgabe, den Teilnehmern die Sicherheit zu geben, dass Fehler und  IrrtĂŒmer völlig in Ordnung sind und dass fĂŒr die letzten Details und Korrekturen immer ein kompetenter GesprĂ€chspartner mitdenkt. Der nicht als erster und laufend be-lehrt, sondern nach dem Motto mitmischt: Three before me. Oder sich wenigstens sagt: Two before you.

Die Teilnehmer bei meiner Session auf dem Mathema Campus tragen von alleine so gut wie alles zusammen, was es zu lernen gibt: ich streiche beim Zuhören gut gelaunt einen Punkt nach dem anderen von meiner Liste und muss nur wenig nach schieben, nichts korrigieren.

Beispielsweise ergĂ€nze ich noch, bei Notieren schlĂ€gt Mitlesen„:

  • Notiert wird Wissen, mitgelesen nur Information. Gleich wie gut eine Zusammenfassung von Trainerin und Trainer auch sein mag: erst mit den eigenen Worten der Teilnehmer ist  Wissen entstanden.
  • Notizen, Skizzen und Gekritzel sind individuell, physisch, visuell und an einem bestimmten Ort festgehalten. Lerner können sich oft sogar noch an die Stelle auf einem Blatt Papier erinnern, an der sie etwas Wichtiges fixiert haben – und an die Farben. Das verankert ihr Wissen viel tiefer als jede noch so unterhaltsame PrĂ€sentation.

Bei der Trumpfkarte „Bewegung schlĂ€gt Stillsitzen“ riskiere ich, weil es hier (!) genau (!) dazu passt, eine knalligere AktivitĂ€t zur Verdeutlichung: Ich verteile A4-BlĂ€tter und bitte alle, fĂŒr jemand anderen ein Geschenk zu malen: „Bewegung schlĂ€gt Stillsitzen“ mit einem Smiley daneben. Wer fertig ist, möge bitte aufstehen. Ich zerknĂŒlle vor allen demonstrativ meine eigene Zeichnung: „Macht’s mir einfach nach! Sieht aus wie ein Schneeball, oder? Und was macht man … mit einem Schneeball?“ Zu den KlĂ€ngen von  007 von Fanfare Ciocărlia tobt eine minutenlange Schneeballschlacht! Die Geschenke sind dann gut durchmischt…

Als Coach und Trainer habe ich mittlerweile akzeptiert, dass ich fĂŒr diesen Weg oft erst Wochen nach einem Workshop Anerkennung bekomme. Viele tun sich schwer, zwischen Lernprinzipien (wie den sechs TrĂŒmpfen) und den Myriaden möglicher AktivitĂ€ten dazu zu unterscheiden. Bei manchen ist die spontane Reaktion eher: Was macht der eigentlich noch, wir machen doch hier alles?! Oder: Das könnte man doch in der HĂ€lfte der Zeit durchnehmen!!! Oder, verunsichert: Was soll der Kindergarten?!

Und es stimmt! Die Teilnehmer machen so viel wie möglich, denn Ihr Lernen ist das Ziel. Stimmt auch: durchnehmen könnte man doppelt soviel, in derselben Zeit – bloß verstehen und  lernen eben nicht. Und der Kindergarten? Stimmt doch: Dein Kind sollte dort lieber ordentlich durch die Mangel gedreht werden, damit es was fĂŒrs Leben lernt! Äh… Moment mal: Könnte es sein, dass man vieles dort so macht, gerade weil es eben funktioniert? Und welchem Denkverbot fĂŒgst Du Dich, wenn Du das vor Dir selbst und vor anderen lĂ€cherlich machst?

Conclusions: Auswerten, diskutieren, planen ist Trumpf

Wir diskutieren am Schluss, was die Teilnehmer aus ihrem eigenen Alltag kennen, was sie nutzen könnten, wo sie skeptisch sind. Die meisten sind nach einer Stunde immer noch hellwach und begeistert. WĂŒrden sie Training from the Back of the Room! weiterempfehlen? Falls ja, warum?

Lernerfolg viel höher. Konzept als Framework gefÀllt.

Weil es ganz anders als andere VortrĂ€ge in Erinnerung bleibt, und Eigeninitiative bringt SelbstwertgefĂŒhl ins Spiel.

Man kann – egal in welcher Form man trainierend tĂ€tig ist – ein paar schöne Inspirationen mitnehmen.

Aber es gibt auch kritische Stimmen: ob das wohl fĂŒr alle Gelegenheiten passt? Ob das nur alter Wein in neuen SchlĂ€uchen ist? Ob es zu aufwendig wĂ€re, ein Buch zu diesem Thema zu lesen oder einen Kurs dazu zu belegen?

NatĂŒrlich bin ich selber begeistert, schließlich bin ich ja zertifizierter Trainer fĂŒr Training from the BACK of the Room! Ich schlage also einfach vor, sich die selbst erlebten (und gehaltenen!) Kurse, Workshops und Trainings noch einmal vor Augen zu fĂŒhren: haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das gelernt, was sie wollten? Waren sie wach im Kopf oder wie leicht narkotisiert? Haben sich Coaches und Trainer konsequent ĂŒber eine hirnfreundliche Lernumgebung Gedanken gemacht, oder nur bruchstĂŒckweise, nach der Devise „Amerikanische Forscher haben herausgefunden…“?

Wer sich mit Training as usual wohl fĂŒhlt und damit seine Ziele erreicht, braucht Training from the BACK of the Room! nicht und könnte hier aufhören, zu lesen. FĂŒr wen das nicht gilt:

Lust darauf, als Trainer weiter zu wachsen?

Du kannst an einem unserer ungewöhnlichen Trainings teilnehmen und ein noch besserer Trainer werden. Der Clou: Du wirst dabei hoch motivierte, gleichgesinnte Trainer und Coaches treffen. FĂŒr Schnellentschlossene gobt es immer FrĂŒhbucher-Rabatte.

Sehen wir uns?

Die Trumpfkarten zum Download: The Six TrumpsÂź Cards Deutsch

Der Scrum Guide 2013 – was gibt es Neues?

Der neue Scrum Guide 2013 ist seit einer Woche herunterladbar, momentan noch ausschließlich auf Englisch. Es lohnt sich, genauer hinzusehen, was Ken Schwaber und Jeff Sutherland geĂ€ndert haben.

(Alle Hervorhebungen in Zitaten von mir).

PraxisnÀher oder schon ScrumBut?

Viele kleine, unscheinbare EinfĂŒgungen (best, usually, …) und Änderungen im Text sorgen fĂŒr neue Ausnahmen und Relativierungen. Was frĂŒher noch zumindest als fragwĂŒrdig galt, taucht nun als dezentes ZugestĂ€ndnis auf:

  • Die SprintlĂ€nge darf jetzt offiziell variieren, sollte es aber am besten nicht („Sprints best have consistent durations throughout a development effort.“).
  • Das Sprintziel darf jetzt im Sprint nicht mehr gefĂ€hrdet werden, bisher war bereits die BeeintrĂ€chtigung verboten („endangered“ ersetzt das alte „affected“). Über die Grenze dazwischen darf spekuliert und viel diskutiert werden. Bei der Arbeit.
  • Die Zusammensetzung des Entwicklungsteams muss ĂŒber einen Sprint nicht mehr konstant bleiben. Niemand muss sich also mehr verstecken mit Modellen wie einer Teilzeit-Mitgliedschaft (z.B.: Frank ist nur jeden Mittwoch da) oder auch der Austauschbarkeit von Human Resources (z.B.: es muss immer „ein Entwickler“ im Team sein, egal ob das Michael oder Frank ist).
  • Bisher galt: wurde die SprintlĂ€nge gekĂŒrzt, mussten auch die Ereignisse Sprintplanung, Sprint-Review und Sprintretrospektive proportional gekĂŒrzt werden. Jetzt werden sie in diesem Fall nur als „usually shorter“ bezeichnet. 2015 dann vermutlich als „sometimes shorter“.
  • Tasks haben nicht mehr einen Tag als strikte Obergrenze fĂŒr ihre Bearbeitungsdauer. Hier halten Ken und Jeff gar nicht erst bei „usually“ inne, sondern zerlegen die EintrĂ€ge des Product Backlogs often to units of one day or less“.

Höflich zusammengefasst: es wird ab sofort gebilligt, die Arbeit gemĂ€ĂŸ Scrum dem Arbeiten in vor-agiler Zeit deutlich anzugleichen. Man könnte es auch weniger höflich eine Lizenz zum Bullshit nennen: Ken und Jeff haben hier in der Diskussion zu ScrumButs deutlich Stellung bezogen – fĂŒr meine Begriffe im sumpfigen GelĂ€nde.

Sprintplanung ab sofort ganz neu? Nein.

Die Sprintplanung hat keine zwei gleich langen Teile mehr. Statt dessen werden die beiden Teile zu Themen umdeklariert, ihre Überschriften bleiben aber gleich:

  1. What can be done this Sprint? und
  2. How will the chosen work get done?

Praktisch bedeutet das nur, dass beide Themen unterschiedlich lange diskutiert werden können. Thema 1 muss trotzdem vor Thema 2 abgehandelt werden. Implizit scheint es jetzt auch eine Anwesenheitspflicht fĂŒr den Product Owner bei Thema 2 zu geben, zumindest wurde die Formel „The Product Owner may be present“ ersatzlos gestrichen.

Heisse Kartoffel Sprintziel: essen will sie jeder

Wozu ein Sprintziel? Als Sinn wird „KohĂ€renz“ in Bezug auf irgend etwas genannt,  was das Entwicklungsteam zur Zusammenarbeit bringt, statt zur isolierten Arbeit von Einzelnen. Leider spielt laut Scrum Guide keine Rolle, ob das Sprintziel fachlich, technisch oder mit Blick auf das Firmensommerfest kohĂ€rent ist:  „The Sprint Goal can be any other coherence“, Hauptsache Teamwork.

Die Fragen wĂ€hrend des Daily Scrum werden ab sofort als Erinnerung an das Sprintziel und den teamorientierten persönlichen Beitrag dazu ausgerichtet. Beispielsweise heißt es nicht mehr

  • „What has been accomplished since the last meeting?“ (2011), sondern
  • „What did I do yesterday that helped the Development Team meet the Sprint Goal?“ (2013).

Das finde ich gut, wenn auch etwas angestrengt erzieherisch. Die Verantwortung fĂŒr das Formulieren des Sprintziels wird allerdings wie eine heiße Kartoffel so schnell im Kreis herumgereicht, dass einem schwindlig wird:

  • „The Product Owner discusses the objective that the Sprint should achieve…“
    Sagte man frĂŒher einfach „mitteilen“, „verkĂŒnden“ oder „anordnen“, so nutzt man heute „discuss“ (oder das unsĂ€gliche „communicate“) – als hĂ€tten die Zuhörer etwas mitzureden.
  • After the Development Team forecasts the Product Backlog items it will deliver in the Sprint, the Scrum Team crafts a Sprint Goal.“
    „Ein“  Sprintziel wird nachtrĂ€glich, passend zur Vorhersage des Entwicklerteams ausgearbeitet? Sicher?
  • Having set the Sprint Goal and selected the Product Backlog items for the Sprint, the Development Team decides how…“
    Moment: die Entwickler haben das festgesetzt? Wirklich? Oder ist das einfach nur schlampig formuliert?

Zusammengefasst: der Product Owner teilt allen die objective des Sprints mit, das Scrum Team arbeitet ein Sprint Goal aus, und gesetzt hat es am Ende angeblich das Development Team.

So sehr mir insgesamt die neue starke Betonung des Sprintziels gefĂ€llt: ich fĂŒrchte, als Guide wird hier eher der agile gesunde Menschenverstand nĂŒtzlich sein als ein Papier mit solch halbgaren Formulierungen. Eine verpasste Chance!

Raider heißt jetzt Twix

…sonst Ă€ndert sich nix:

  • EintrĂ€ge im Product Backlog, die fertig zur Übernahme in einen Sprint sind, wurden die letzten beiden Jahre „ready“ oder „actionable“ genannt. Ab sofort heißt das „Ready“. Mit großem R. Eine kleiner Schritt fĂŒr die Orthographie, ein großer Sprung vorwĂ€rts fĂŒr die Scrum-Community.
  • Die Definition of „Done“ ist noch nicht done und pendelt absatzweise hektisch zwischen „Done“ und „done“.
  • Die laufende Pflege und Überarbeitung des Product Backlogs wurde die letzten beiden Jahre in der Community meist „grooming“ genannt. Ab sofort heißt das „refinement“.

Feiges Geschwurbel

Manches Buzzword soll offensichtlich unangenehmen Klartext ĂŒberdecken. Schönstes Beispiel: „Artifact transparency“

Ein als besondere Neuerung angepriesener Abschnitt: Transparenz bei Artefakten sei gut. Und selbstredend ist der Scrum Master verpflichtet, jedem auch bei der Herstellung von noch mehr Transparenz zu helfen. Mehr konnte ich dem Text zunÀchst nicht entnehmen. Ich habe es redlich und wiederholt versucht.

Einige GlĂ€ser (FrappĂ©) spĂ€ter fiel mir dann ein, dass Scrum-Werte wie Offenheit und Mut nicht mehr Teil des Scrum Guides sind (s.u.). Mir dĂ€mmerte bei der LektĂŒre, dass mit „Transparenz“ hier letztlich Wahrheit gemeint ist. Das industrielle Scrum von 2013 hat anscheinend die Kraft verloren, diesen Begriff „Wahrheit“ offen und mutig zu benutzen, um nach mehr davon zu verlangen. Was fĂŒr eine Ironie.

Rollen: Harder, better, faster, stronger

Es gibt angeblich mehr zu tun, in einigen Rollen:

Der PO…

…konnte sich bisher damit begnĂŒgen, die Wertschöpfung des Entwicklerteams sicherzustellen. Aber das altbackene und prozessverdĂ€chtige „ensuring“ musste jetzt dem wesentlich dynamischeren „optimizing“ weichen. Wer braucht da noch Kanban!

FĂŒr den Scrum Master…

…reicht „Understanding long-term product planning in an empirical environment“ ab sofort nicht mehr, das Wörtchen „long-term“ wurde einfach gestrichen. Eine heimtĂŒckische Änderung, finde ich, denn sie ersetzt schlagartig das, was nie existierte, durch das, was jemand anderes als der Scrum Master lĂ€ngst hĂ€tte tun mĂŒssen.

Auch wichtig: die neue Aufgabe „Ensuring the Product Owner knows how to arrange the Product Backlog to maximize value“. Ich freue mich auf viele heitere Szenen, wenn der in anderthalb Tagen zum CSM geschulte Scrum Master vorschriftsmĂ€ĂŸig sicherstellt, dass der ebenfalls in anderthalb Tagen zum CSPO geschulte Product Owner seine Kernaufgabe auch wirklich beherrscht.

Und eine besonders sportliche neue Idee zur Hirnakrobatik in der Sprintretrospektive: „The Scrum Master participates as a peer team member in the meeting from the accountability over the Scrum process.“ Je öfter und lĂ€nger ich ĂŒber diese Formel und ihre praktischen Konsequenzen fĂŒr den Scrum Master nachdenke, desto [Schimpfwörter gelöscht, bitte bleiben Sie sachlich! – die Red.].

Weg damit!

Ist Produktentwicklung zu komplex fĂŒr Scrum?

Zwei Jahre lang galt: „Scrum is a framework structured to support complex product development.“ Diese Struktur möchten Ken und Jeff jetzt offenbar lieber durch (ihr?) zusĂ€tzliches Consulting schaffen und streichen den Passus ersatzlos. Erhalten geblieben ist an anderer Stelle nur das nebulöse „Scrum is a process framework that has been used to manage complex product development.“

Vision? Endlich Geschichte.

Aufatmen beim Scrum Master: „Clearly communicating vision“ steht nicht mehr auf seiner To-Do-Liste. Diese UnterstĂŒtzungsleistung fĂŒr den PO entfĂ€llt ersatzlos, vielleicht, weil eine Vision, die klar vermittelt werden soll, ja zuerst einmal existieren mĂŒsste. Das ist im industrialisierten Scrum immer unwahrscheinlicher geworden, also weg damit – das Wort „vision“ taucht jetzt im Scrum Guide nirgendwo mehr auf.

Was nur konsequent ist und dem Schicksal der „values“ folgt. Die Scrum-Werte (Respekt, Mut, Offenheit, Fokus und Commitment – wie es in den Sagen und Mythen vergangener Zeiten lautet, falls ich mich recht entsinne) wurden ja bereits getilgt: hieß es im Scrum Guide 2009 noch, der Scrum Master habe dafĂŒr zu sorgen, dass sich das Team an „Scrum values, practices, and rules“ halte, lautet die Formel seit 2011 „Scrum theory, practices, and rules“.

Da scheint mir bizarr, wie Ken Schwaber kĂŒrzlich kritisierte, andere hĂ€tten wohl das agile Prinzip „Individuals and Interactions over Processes and Tools“ aus den Augen verloren. Er empfiehlt: „Keep the values, keep the principles, think for yourself.“ Eat your own dog food, Ken.

Du musst es nicht tun, sondern nur verstehen!

Und nochmals Aufatmen beim Scrum Master: das naive „Teaching the Development Team to create clear and concise Product Backlog items“ (2011) gehört nicht mehr zu seinen Aufgaben, es weicht endlich einem professionellen „Helping the Scrum Team understand the need for clear and concise Product Backlog items“ (2013).

Ich finde, das spart Arbeit. Denn man darf getrost voraussetzen, dass dieser Bedarf jedem lĂ€ngst schmerzlich bewusst ist. Somit fĂ€llt fĂŒr den Scrum Master auch hier keine wirkliche Mehrarbeit an. Trotzdem – es wĂ€re sicher mehr drin gewesen. FĂŒr die kommende Version des Scrum Guides schlage ich etwas vor wie: Nurturing the Scrum Team’s appreciation of the need for transparent Product Backlog items.

In der Gosse gelandet: vom festen Event zur formellen Gelegenheit

Welcher Satz stammt aus dem Scrum Guide 2011 und welcher aus dem Scrum Guide 2013?

„Although improvements may be implemented at any time, the Sprint Retrospective provides…

  • „… a dedicated event focused on inspection and adaptation.“
  • „… a formal opportunity to focus on inspection and adaptation.“

Muss ich auflösen? Allenfalls fĂŒr Menschen, die Geburtstagspartys als formelle Gelegenheiten betrachten, um sich ihren Freunden zu widmen. Oder auch nicht.

Easter eggs – Lachen mit Scrum

Ken und Jeff haben durchaus Sinn fĂŒr Humor, wie ein paar FundstĂŒcke zeigen:

  • 2011 hielten sie Scrum noch fĂŒr „Extremely difficult to master“, jetzt haben sie das „extremely“ entsorgt.
  • Der Product Owner muss nur noch optional lĂŒgen, also im Sprint Review nicht mehr unbedingt „completion dates based on progress to date“ extrapolieren – in Klammern folgt jetzt ein neckisches „(if needed)“.
  • Abweichlern, die Scrum nicht als Framework bezeichnen wollen, werden die Instrumente gezeigt: die zugehörige Überschrift „Scrum Overview“ wird zu „Definition of Scrum“ umgetitelt. Nehmt das, Ihr Ketzer! Auch sonst werden die ZĂŒgel der Orthodoxie straffer angezogen – 2011 schienen noch „Specific strategies for using the Scrum framework“ denkbar, jetzt sind es nur noch „Specific tactics.

Mein subjektives Fazit

Der neue Scrum Guide 2013 ist ein konsequenter Schritt in Richtung industriell betriebenes Scrum. Werte waren bereits 2011 ausgemerzt, die Produktvision wird es jetzt. Aus dem Sammelsurium von vermeintlichen KleinstÀnderungen stechen bei genauerem Hinsehen viele ScrumButs ins Auge, die den Segen der Scrum-Erfinder bekommen. Um nur ein zwei zu nennen: Tasks, die lÀnger als einen Tag dauern; oder Teammitglieder, die bei laufendem Sprint aus dem Team abgezogen oder in das Team entsandt werden können.

Die Verbesserungen sind demgegenĂŒber marginal, wenn auch einige ĂŒberfĂ€llige darunter sind, etwa das Einfordern eines Sprintziels.

Wer im Vergleich dazu lesen möchte, was gut gelebtes Scrum wirklich sein kann, dem empfehle ich als Erholung nach dem Scrum Guide das neue Buch von Tobias Mayer zu lesen, seine Essaysammlung The People’s Scrum.

Pragmatic-teams.de ist online

Schön, dass Sie hier sind! Mein Name ist Rolf F. Katzenberger, ich arbeite als Coach fĂŒr pragmatische Methoden und als Softwareentwickler. Heute geht meine neue Website pragmatic-teams.de online. Klicken Sie doch mal unter „Was interessiert Sie?“

Viel Spaß!