Positiv denken ohne Drogen

Titelfolie zu Positiv denken ohne Drogen

Letzten Freitag und Samstag hatte ich das VergnĂŒgen, am FrĂŒhjahrs-Campus der Mathema Software GmbH teilnehmen zu dĂŒrfen. Wie immer war’s spannend und interessant, danke schön!

Am Samstag habe ich mich mit einer kurzen Session „Positiv denken ohne Drogen“ revanchiert:

Positiv denken ohne Drogen
Wie Sie mit Ihrer Umgebung realistisch glĂŒcklicher werden (falls Sie wollen)
Probleme gibt es gratis, in beliebiger Menge. Sehr praktisch: hat man Probleme, bekommt der Tag Struktur – ganz ohne eigenes Zutun. Bedenklich: Ärger, Verdruss und Dilbert werden zu unkĂŒndbaren Kollegen.
Wenn Sie neugierig auf etwas Besseres sind, bekommen Sie hier ein Potpourri von Anregungen, um manche Dinge und Menschen, inklusive sich selbst, einmal souverÀner zu sehen und anzupacken.

Drei kleine AktivitĂ€ten (Fragen versenken, die Discover-Phase aus Appreciative Inquiry sowie das Wertequadrat nach Paul Helwig und Friedmann Schulz von Thun) haben den Teilnehmern offensichtlich ebenso großen Spaß gemacht wie mir.

Folien und Materialien zum Download: Positiv denken ohne Drogen (ZIP)

35. Agile Monday: Appreciative Inquiry Retrospektive

Ich habe noch nie etwas von gelangweilten NASA-Teams gehört. Technische Probleme einer Marslandung werden offensichtlich als positive Herausforderung angenommen.

Sind die Aufgaben weniger technisch, dann generiert das ĂŒbliche Breittreten von Problemen allerdings tendenziell noch mehr problematische Effekte als Lösungen. Bei konventionell gefĂŒhrten Retrospektiven  bleibt dann von dem, was bisher gut lief, zu oft nur ein schmĂ€chtiges „Weiter so!“ ĂŒbrig, ohne erkennbaren Effekt. Bessere Idee: statt des ermĂŒdenden „Problemtalk“ baut man besser auf dem Erreichten auf und ĂŒberlegt gemeinsam, wie man vom erreichten Stand x auf x+1 kommen könnte. Diese Sicht verbreitet sich immer mehr.

Der 35. Agile Monday im Coworking Space NĂŒrnberg stand diesmal unter dem Motto „Lösungsorienterte Retrospektiven“.

Über die Einladung der Agile-Monday-Organisatoren Martin Heider, Sven Winkler und RenĂ© FĂŒger  habe ich mich sehr gefreut und am ersten schönen FrĂŒhlingsabend mit zwei Dutzend Teilnehmern eine lösungsorientierte Retrospektive nach Appreciative Inquiry durchgespielt (Materialien dazu gibt’s als Anhang unter diesem Posting). Die Retrospektive drehte sich praktischer Weise um die Zukunft des Agile Monday selbst.

Vorweg: ein toller Abend!

Vorbereitung

Henne und Ei lassen grĂŒĂŸen: alle Formate von Appreciative Inquiry (wie Summits, Positive Change Network, oder eben auch Retrospektiven) drehen sich um ein affirmatives Thema, also ein positives, das zu Diskussionen ĂŒber die angestrebte Zukunft (ver) fĂŒhrt und das gemeinsame Lernen stimuliert.

Agile Teams wĂ€hlen ihr Retrospektiventhema dazu normaler Weise selbst, es „hĂ€lt“ dann fĂŒr 2-3 Retrospektiven, bis das Team fĂŒr’s nĂ€chste Mal ein anderes wĂ€hlt. Weil das ad hoc natĂŒrlich so nicht machbar ist, denke ich mir eine Liste von 6 möglichen affirmativen Themen aus, um den Teilnehmern etwas Auswahl zu bieten. Martin Heider gibt hilfreiches Feedback, ich streiche die Liste auf folgende zusammen:

  • Aktive Agile Monday Online Community
  • Der Agile Monday verĂ€ndert
  • Der Agile Monday hilft

Zu jedem Thema entwickle ich dann drei Interviewfragen – in einem Scrum-Team wĂ€re das zum Beispiel die Aufgabe eines Scrum Masters. Alles zusammen packe ich auf ein Arbeitsblatt. Der Abend wird, wie bei einer traditionellen Retrospektive, etwa 2 Stunden konzentrierter Arbeit bedeuten. Um die Teilnehmer nicht mit einer zusĂ€tzlichen Theorievorlesung fĂŒr’s Kommen zu strafen, stelle ich auch noch ein kurzes Infoblatt mit Grafiken und Ressourcen zu Appreciative Inquiry und Lösungsorientierung zusammen, das man sich anschließend zu hause durchsehen kann (Downloads  s.u.).

Meine Erfahrung als Coach: mit etwas Routine benötigt z.B. ein Scrum Master fĂŒr die Vorbereitung einer lösungsorientierten Retrospektive ungefĂ€hr ebenso viel KreativitĂ€t und Zeit wie fĂŒr eine konventionelle.

Intro

Appreciative Inquiry 4D cycle

Abends nehmen es Teilnehmer wie Patrick mit Fassung, als ich eine Dauer von 2 Stunden prognostiziere. Um gleich einsteigen zu können, umreiße ich nur kurz die 4 Phasen aller Appreciative-Inquiry-Formate, den 4D-Cycle:

  1. Discover
    Finde den positiven Kern. Erinnere Dich, wann und wie schon mal etwas funktioniert hat, worauf sich aufbauen ließe.
  2. Dream
    TrĂ€ume! (wie Martin Luther King – dazu spĂ€ter mehr)
  3. Design
    Dein Umfeld fĂ€llt nicht vom Himmel, es ist „designt“. Welche Stellschrauben gibt es hier bei uns? Welche „Stakeholder“?
  4. Deliver
    Nachdem Du TrÀume und Designmöglichkeiten dazu entwickelt hast: was wÀre eine kleine Innovation, die Du mit ein paar Leuten anpacken willst? Wie sieht der Zeitrahmen aus?

Der Zyklus bietet eine schöne Alternative zu den klassischen Phasen einer Retrospektive (BĂŒhne vorbereiten; Daten sammeln; Erkenntnisse gewinnen; entscheiden, was getan wird; runder Abschluss).

Ich bitte die Teilnehmer, sich selbst in Vierergruppen zu organisieren, die jeweils am selben affirmativen Thema interessiert sind.

1. Discover

In jeder Vierergruppe finden sich jeweils zwei Interviewpartner zu einem Paar zusammen. Jeder interviewt den anderen und verwendet dazu die drei Fragen auf dem Arbeitsblatt. Ich bitte die Teilnehmer, die Fragen wirklich wörtlich genau wie aufgeschrieben zu stellen – und in sich hineinzuhorchen, falls sie und warum sie die Fragen selber anders gestellt hĂ€tten.

2 Minuten fĂŒr jede der drei Fragen, nach 6 Minuten also Seitenwechsel. Die nĂ€chsten 12 Minuten glaube ich, direkt neben einem Bienenstock zu stehen! Ob die Teilnehmer tagsĂŒber, im BĂŒro, mit den Kolleginnen und Kollegen ebenso produktiv und anregend miteinander ĂŒber ihre Arbeit reden? Ich hoffe es!

Die drei Interviewfragen reprÀsentieren drei Fragetypen:

  1. „backward“ – frage nach wahren, konkreten Erfolgsgeschichten (nicht nach Theorien oder einstudierten Statements);
  2. „inward“ – frage, was jemand aus seiner Geschichte fĂŒr sich persönlich, fĂŒr das Teamwork oder gar fĂŒr’s Leben gefolgert hat;
  3. „forward“ – frage, an welchen Dingen jemand eine bessere Zukunft ĂŒberhaupt erkennen wĂŒrde, wenn sie ohne sein Wissen, wie ein Wunder, ĂŒber Nacht eintrĂ€te.

Was aus den Antworten des Interviewpartners hat besonders elektrisiert, bei den „backward“ und „inward“-Fragen? Ich bitte die Teilnehmer, ihrer Vierergruppe fĂŒr jeweils 3 Minuten dazu etwas zu erzĂ€hlen. Jeder hört seine eigene Geschichte, aus fremdem Mund. Der Bienenstock summt wieder, fĂŒr 12 Minuten.

Appreciative Inquiry ermutigt dazu, solche Geschichten, kleine ErinnerungsstĂŒcke und anderes dazu als „Positive Core Map“ zusammenzustellen: als Collagen, Interviewfilme oder in anderer Form. Ich habe eine Doku-Box mitgebracht und bitte die Teilnehmer, am Ende Ihre Interviewnotizen rein- statt wegzuwerfen. Ein paar Tage spĂ€ter werde ich sie scannen und fĂŒr die Teilnehmer als PDF-Datei zusammenstellen. Außerdem fotografieren Martin und ich natĂŒrlich mit.

2. Dream

Dream-Kriterien

Wie trÀumt Martin Luther King?

Ich habe einen Traum: dass meine vier kleinen Kinder in einer Nation leben, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.

Das ist ein vollstĂ€ndiger Satz, kein Stichwortgestammel. Es ist wĂŒnschenswertfĂŒr alle seine Zuhörer, nicht nur fĂŒr ihn. Es ist formuliert, als wĂ€r’s schon RealitĂ€t. Und es bringt eine echte Herausforderung fĂŒr den Status Quo auf den Punkt.

Ich bitte die Teilnehmer, ihrer Vierergruppe fĂŒr jeweils 3 Minuten zu erzĂ€hlen, was ihr Interviewpartner auf die „Forward“-Frage geantwortet hat: an welchen Dingen wĂŒrde man ĂŒberhaupt erkennen, dass ĂŒber Nacht ein Wunder geschehen ist? Jeder hört seine eigene Antwort, aus fremdem Mund. Der Bienenstock summt wieder, fĂŒr 12 Minuten.

Die Vierergruppen bekommen dann 5 Minuten, um Ihren Traum fĂŒr den Agile Monday zu formulieren, der den Kriterien auf dem abgebildeten Flipchart genĂŒgt.

Anschließend werden alle TrĂ€ume zu einer Galerie aufgehĂ€ngt, und jeder hat etwas Zeit, alle TrĂ€ume kennen zu lernen.

3. Design

Design Possibility Map

Wir lösen die Vierergruppen auf – jeder arbeitet mit und an dem Traum weiter, der ihn am meisten anspricht. Die Flipcharts mit den TrĂ€umen werden zu „Design Possibility Maps“:

  • im Zentrum der Traum;
  • im ersten Kreis darum genug Platz, um per Brainstorming auf kleinen Klebezetteln mögliche Designelemente zu sammeln: welche Skills, Orte, Strukturen, Gelder, Absprachen, … können genutzt / eingerichtet / definiert / gestaltet werden, um dem Traum nĂ€her zu kommen?
  • im zweiten Kreis darum genug Platz fĂŒr ein weiteres Brainstorming: wer sind die Stakeholder des Traums? Wer muss mit ins Boot? Wen wird unser Traum etwas angehen (und dabei hoffentlich auch anstecken)?

Nach 10 Minuten hÀngen 5 umfangreiche Design Possibility Maps als Galerie an den WÀnden.

Jeder bekommt 10 grĂŒne Klebepunkte und 10 weitere Minuten, um auf einem Rundgang Feedback zu geben: welche Designelemente hĂ€tten Deiner Meinung nach den grĂ¶ĂŸten Effekt? Hier zĂ€hlt nur die RĂŒckmeldung – es wird nichts dazu entschieden, was spĂ€ter getan wird. Oder ob ĂŒberhaupt.

4. Deliver

Innovationenparade

Von Geschichten ĂŒber TrĂ€ume sind die Teilnehmer jetzt also bei konkreten Designmöglichkeiten fĂŒr den Agile Monday angekommen.

Zeit, dass etwas daraus wird! Welche kleine Innovation fĂ€llt Dir zu Deinem Lieblingstraum ein? Wechsle ruhig zu einem anderen Traum, wenn Du beim Rundgang einen fĂŒr Dich attraktiveren gefunden hast!

Ich verteile Zettel an die Teilnehmer und bitte sie, je nach Lust allein oder mit anderen zusammen eine kleine Innovation zu formulieren:

  • was ist die Kernidee?
  • welchem Zeitrahmen stellst Du Dir dafĂŒr vor?

Nach 5 Minuten stehen 11 Leute Schlange, um ihre Innovationsidee vorzustellen und Mitstreiter zu suchen.

Jeder Zettel hat am unteren Ende eine noch leere Liste fĂŒr die Mitstreiter, die sich in den kommenden Minuten mit Namen und Emailadressen fĂŒllt. Überall im Raum stehen kleine GrĂŒppchen herum und diskutieren schon engagiert (und LAUT!) ĂŒber erste Schritte.

Schlussrunde

Das Fazit der Teilnehmer fĂ€llt sehr positiv aus – manche freuen sich besonders darĂŒber, dass man Appreciative Inquiry ganz offensichtlich auch noch mit zwei Dutzend Leuten sehr effizient nutzen kann (fĂŒr den einzelnen Facilitator ist bei 30-40 Leuten Schluss; die Methode skaliert auf bis zu 1.000 Teilnehmer – da sind dann Vorbereitungsgruppen und ein Team von Facilitators gefragt).

Ein Teilnehmer befĂŒrchtet, dass seine Kollegen 2 Stunden auch schon bei herkömmlichen Retrospektiven als viel zu lang empfinden. Meine Antwort: das einzig relevante Erfolgskriterium fĂŒr eine Retrospektive ist, ob eine Gruppe dabei Ihre FĂ€higkeit zur Selbstorganisation (zum Selbstmanagement?) beweist: erarbeitet sie relevante VerbesserungsaktivitĂ€ten? Und vor allem: wird aus denen zeitnah auch etwas? Falls dazu 10 Minuten Retrospektive genĂŒgen – macht das ruhig so. Falls die Anwesenden aber nur nach 10 Minuten einnicken und sich aus dem Raum ganz weit weg wĂŒnschen, deutet das vermutlich auf etwas Anderes hin als auf ein Problem mit der Dauer.

Probleme fallen ĂŒbrigens keinem Tabu oder SchweigegelĂŒbde zum Opfer. Wie Insoo Kim Berg, eine BegrĂŒnderin der Solution-Focused Brief Therapy (SFBT) es formuliert hat:

Just because I am solution focused does not mean that I am problem phobic.

Probleme zu besprechen ist kein Problem. Aber wenn Du Probleme als Endstation betrachtest, dann hĂ€ltst Du den Stein und Deinen daran verstauchten Zeh fĂŒr wichtiger als das Ziel, zu dem Du auf dem Weg bist. Reinen Problem-Talk halte ich weder fĂŒr professionell noch fĂŒr zielfĂŒhrend. Er fĂŒllt nur bequem die Agenda, ohne dass man auch nur eine Sekunde ĂŒber den Zweck hinter der Agenda nachdenken mĂŒsste.

Frag Dich also immer: wo will ich denn eigentlich hin?

Ein toller Abend – danke an alle Teilnehmer, die Organisatoren Martin, Sven und RenĂ© und den Coworking Space NĂŒrnberg fĂŒr den Denk-Raum!

Materialien zum Download: Dossier Appreciative Inquiry und Solutions Focus, AI Retrospektive Agile Monday