Wissenstransfer mit Shu-Ha-Ri-Sprints

Agile Teams leben in der Grauzone: Skills und Aufgaben sind keine Frage von Schwarz oder Weiß, ich oder Du.

Wenn die Testerin zum „Bottleneck“ wird, weil Entwickler nicht wissen (wollen), wie man ein Testskript anwirft: schlecht fürs Ziel. Wenn der Product Owner (PO) keinen Sinn darin sieht, von Anfang an mit der Testerin an brauchbaren Akzeptanzkriterien zu feilen: schlecht fürs Ziel. Wenn die Testerin zwar programmieren könnte, aber sich sträubt, auch mal Unittests zu erweitern: schlecht fürs Ziel.

Der Scrum Guide sagt:

Unabhängig von der verrichteten Arbeit werden die Mitglieder des Entwicklungs-Teams als Entwickler bezeichnet. Scrum sieht keine anderen Titel für die Mitglieder eines Entwicklungs-Teams vor; es gibt keine Ausnahme von dieser Regel

Das bedeutet für das interdisziplinäre Team eben nicht, dass jeder wirklich alles und noch dazu gleich gut können muss. Es bedeutet, dass jeder zu jedem Zeitpunkt Meister, Geselle und Azubi zugleich ist, nur eben auf unterschiedlichen Gebieten – und immer wieder von neuem.

Agiles Teamwork lebt von dieser Grauzone. Davon, dass nicht danach gefragt wird, wer für das Erreichen des Ziels verantwortlich ist, weil die Antwort ohnehin klar ist: das gesamte Team.

Wann immer das Schwarz-oder-Weiß-Spiel („Was soll ich denn noch alles können?“, „Das ist nicht mein Job!“, …) gespielt wird, um letztlich gar nichts außerhalb der eigenen Expertise kennen lernen zu müssen: schlecht fürs Ziel. Eine meiner wichtigsten Fragen an jedes Team ist deshalb: wie spielt Ihr denn statt dessen das Meister-Geselle-Azubi-Spiel, so dass es funktioniert?

Shu-Ha-Ri-Sprints: lernen, verstehen, vermitteln

Ein interessanter Weg neben z.B. Workshops, Schulungen und Communities of Practice (CoPs): das Team erklärt jeden Sprint zu einem Shu-, Ha- oder Ri-Sprint, rotierend.

  • Während eines Shu-Sprints (von 守 shu, befolgen) betrachtet sich jedes Teammitglied als „Azubi“ und wählt ein Wissensgebiet, zu dem es einen im Team allseits anerkannten Meister um die Zusammenarbeit bei einem entsprechenden Task bittet. Bist Du selbst der einzige Meister, dann befolgst Du Deine eigenen Lessons Learned oder die Literatur, die Du für maßgeblich hältst, für diesen Sprint übergenau und achtest darauf, wo Du vielleicht schlampig oder überheblich geworden bist.
    (Wieder) lernen durch Achtsamkeit ist das Ziel.
  • In einem Ha-Sprint (von 破 ha, sich lösen) betrachtet sich jedes Teammitglied als „Geselle“, reflektiert und notiert bei jedem Task, welche Praktiken, Techniken und Konventionen des Teams den Prinzipien des agilen Manifests gerecht werden und welche nicht.
    Die Zusammenarbeit besser verstehen durch Achtsamkeit ist das Ziel.
  • In einem Ri-Sprint (von 離 ri, transzendieren) betrachtet sich jedes Teammitglied als „Meister“ und überlässt gezielt die Hauptarbeit an einem Task, für den es selbst am besten geeignet wäre, einem „Azubi“. Es gelten keine kurzfristigen Kosten-, Geschwindigkeits- oder Fehlerträchtigkeits-Ausreden.
    Respekt, Mut und Offenheit durch aufmerksames Coachen zu leben ist das Ziel.

In jeder Sprint-Retrospektive sammelt das Team die Erfahrungen des Einzelnen damit. Und es wird nach meiner Erfahrung einiges zusammengetragen, was zu wichtigen Erkenntnissen führt. Ein Wissenstransfer findet ganz nebenbei statt, beim Arbeiten (Tasks), nicht statt dessen (Workshop, Schulung).

Warum wird der gesamte Sprint unter ein entsprechendes Motto gestellt? Warum darf sich nicht jeder in jedem Sprint frei zwischen Shu, Ha und Ri entscheiden?

Die strikte Regel bietet mehrere Vorteile:

  • die Rotation des gesamten Teams zwischen den dreien verringert Statusgehabe und macht klar, dass a) jeder ein respektabler Fachmensch auf seinem Gebiet ist und b) es zum Status des „Meisters“ gehört, zu coachen;
  • die Retrospektiven zerfasern nicht und fokussieren, in Rotation, jeweils auf Shu, Ha oder Ri;
  • kein Teammitglied kann ewig Azubi bleiben;
  • da es keinen Meister ohne Azubi (und umgekehrt) gibt, findet in Shu- und Ri-Sprints laufend ein intensiver Rollenwechsel statt; und
  • da sich niemand in einem Ha-Sprint als Meister oder Azubi definieren (lassen) muss, schärft jeder dritte Sprint den gleichberechtigten Blick aller darauf, ob wirklich schon, noch oder wieder agil gearbeitet wird.

Welche Wege habt Ihr gefunden, Euer Meister-Geselle-Azubi-Spiel zu spielen?

Bildnachweis:
Puzzled Kitty © David Kessler | CC BY-SA 2.0

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