Trau Dich: „Training from the BACK of the Room!“ auf dem Mathema Campus

Es gibt einige feine Unternehmen, die über den Tellerrand hinaus schauen und jedes Jahr für Kunden und Partner ein Event auf die Beine stellen, das viel mehr will als nur die eigenen Services und Produkte unters Volk zu bringen. Der Campus der Mathema Software GmbH ist so ein Event und ich habe mich auch dieses Jahr RIESIG über die Ehre gefreut, eingeladen zu werden. Danke schön! Mein Thema dieses Jahr:

Training from the BACK of the Room! Lernt Ihr schon, oder nehmt Ihr noch durch?

Kurse, Workshops, Trainings so gestalten, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer möglichst gut lernen und viel mitnehmen können? Das probiere ich doch gerne aus, getreu dem Motto: use the thing to teach the thing. Eine Stunde, ein Thema, ein Pulk interessierter Menschen – hier, was wir zusammen erlebt haben:

Connections: Trau Dich!

Wichtig für einen guten Einstieg in Kurse, Trainings und Workshops: von Anfang an Teilnehmer miteinander verbinden. Und Teilnehmer mit dem Thema verbinden. Und natürlich die Verbindungen zwischen dem Thema und den persönlichen Zielen der Teilnehmer kennen lernen – was ist ihnen wichtig, was eher nicht?

Leichter gesagt als getan, denn üblich sind bestenfalls Kaffeetische für allgemeine Gespräche vor Kursbeginn – was zumindest schon einmal die Menschen untereinander verbinden hilft. Wer jetzt zu „Icebreakern“ greift, also vermeintlich netten „Kennlernspielen“ könnte schon die Hälfte des Publikums verlieren, oder, noch schlimmer, aufs passive Konsumieren einstimmen. Also, mutig sein! Ich entscheide mich für ein Experiment und bereite Trau-Dich-Päckchen vor – Überraschungseier für Erwachsene, sozusagen.

Da wir einen recht kleinen Raum ohne Tische haben, werden jeweils 5-6 Stühle vorab in Vanillekipferl-Anordnung zusammengerückt, damit sich kleine Grüppchen bilden können. Ich hoffe auf die natürliche Neugier und lege die Trau-Dich-Päckchen auf den Stühlen aus. Jetzt heißt es Geduld haben und die ersten Minuten eben nicht selber die Initiative zu ergreifen. Nach ein paar Minuten schreibe ich rot und fett TRAU DICH! auf ein Flipchart, verlasse den Raum wieder und warte gespannt, was passiert.

Ganz oben im Päckchen: eine Aktivität, die ich Name the Trumps genannt habe. Die „Trümpfe“ sind sechs Lernprinzipien, die bei Training from the BACK of the Room! sehr nützlich sind. Sie hängen als überdimensionale Spielkarten an der Wand, mit einem Bild, aber noch ohne jeden Text. Die Teilnehmer finden im Päckchen ein Kärtchen mit einer grünen Haftnotiz und einer knappen Anleitung:

  • Schau die 6 Trumpfkarten an den Wänden an und denk Dir einen Namen für jede aus. Ein Beispiel wäre: „Kürzer schlägt länger“.
  • Diskutiere Deine Ideen mit jemandem & notiere sie hier unten.
  • Kleb die grüne Haftnotiz (s. Rückseite) unter Deine Lieblingskarte.

Es funktioniert: alle reden miteinander, statt abwartend auf mich zu starren. Sie gehen an den Wänden entlang und diskutieren die aufgehängten Trumpfkarten, nach und nach kleben mehr und mehr Haftnotizen an der Wand, die Stimmung ist fröhlich und gelöst. Und: ich kann vorab erkennen, was (niemanden) interessiert.

Concepts: Sechs Trümpfe

In konventionellen Trainings werden den Teilnehmern relativ viele neue Konzepte erläutert, bevor sie aktiv werden dürfen. Training from the BACK of the Room! propagiert hier das absolute Minimum. Wenn das Lernziel zum Beispiel lautet: „Die Teilnehmer bauen Neuschwanstein aus LEGO nach“, dann muss der Trainer zunächst nicht viel mehr tun als mal zwei LEGO-Steine demonstrativ zusammenzustecken. Bei vielen Kursthemen ist nicht einmal das nötig.

Kürzer schlägt länger
Kürzer schlägt länger

Also: die Lernzeit der Teilnehmer maximieren! Mich interessiert, welche Lernprinzipien sie aus den unbeschrifteten Trumpfkarten an den Wänden für sich erkannt haben. Was liegt näher, als alle in einer Shout-out-Aktivität einfach danach zu fragen? Ich halte die Trumpfkarten hoch und alle rufen Ihre notierten Ideen dazu einfach in den Raum. Ich bin baff, welches Spektrum zusammenkommt. Kaum zwei gleiche Interpretationen, und viel Heiterkeit, als ich jeweils die „offizielle“ Interpretation der sechs Trümpfe verkünde:

  1. Bewegung schlägt Stillsitzen (Movement Trumps Sitting)
  2. Mitreden schlägt Anhören (Talking Trumps Listening)
  3. Bild schlägt Wort (Images Trump Words)
  4. Notieren schlägt Mitlesen (Writing Trumps Reading)
  5. Kürzer schlägt länger (Shorter Trumps Longer)
  6. Anders schlägt Einerlei (Different Trumps Same)

[Die Karten dazu gibt es übrigens hier unten als PDF-Anhang, zum Download!]

Ich erläutere den Teilnehmern noch kurz die Phasen, die wir gerade durchlaufen (Connections; Concepts; Concrete Practice; Conclusions) und nehme mich für die nächste Phase wieder zurück – Training from the BACK of the Room! im wahrsten Sinne des Wortes.

Concrete Practice: Warum ist ein Trumpf ein Trumpf?

Die Teilnehmer finden für ihre Notizen und Skizzen zu den Trümpfen sechs leere Spielkarten in ihrem Päckchen, mit Farbstiften. Daneben noch unterschiedliche kleine Toys, denn Du lernst auch mit den Händen. Manche Hände brauchen sogar etwas zum Drehen, Ziehen, Herumspielen, damit ihre Besitzerinnen und Besitzer sich gut auf etwas ganz Anderes konzentrieren können. Wer nicht mag, lässt sein Toy eben einfach im Päckchen. Oder tauscht es gegen etwas Ansprechenderes.

Die Grüppchen ziehen jeweils verdeckt  eine beschriftete Trumpfkarte und ich bitte sie darum, innerhalb von 5 Minuten 3-5 Ideen zu sammeln, weshalb der jeweilige Lerntrumpf wohl das Lernen effektiver macht. Die Eigenverantwortung wird deutlich: kein Grüppchen bleibt still.

Anschließend fasst aus jeder Gruppe jemand die Ideen vor allen Teilnehmern zusammen. Jeder kritzelt und notiert dabei das mit, was individuell wichtig erscheint, auf den leeren Spielkarten. Manche malen Mindmaps, manche schreiben einfache Listen, manche zeichnen.

Notieren schlägt Mitlesen
Notieren schlägt Mitlesen

Technisch gesehen gehört eine solche Aktivität in die Schublade Table Teach-Back: Tischgruppen bereiten ein Teilthema für andere Tischgruppen auf – das Lernen wird so verstärkt, weil das Thema 3x durch den Kopf wandert: beim Hören, beim Durchdenken, beim Erläutern für andere.

Bohrende Fragen

Was tun dann überhaupt noch Trainerin und Trainer? ist die meist gestellte Frage. Und noch: Muss man nicht Fehler und Missverständnisse sofort korrigieren? Die Antworten sind einfach: viel; und nein, nicht sofort, sondern im Anschluss.

  • Wer seine Kurse, Workshops und Trainings nach Training from the BACK of the Room! gestaltet merkt schnell, dass die Vorbereitung genauso viel Arbeit macht wie bei konventionellen Methoden. Aber sie macht auch auch doppelt so viel Spaß!
  • Missverständnisse und Fehler gehören zum Lernen dazu. Trainerin und Trainer können nicht stellvertretend für die Teilnehmer Rad fahren lernen. Es ist Traineraufgabe, den Teilnehmern die Sicherheit zu geben, dass Fehler und  Irrtümer völlig in Ordnung sind und dass für die letzten Details und Korrekturen immer ein kompetenter Gesprächspartner mitdenkt. Der nicht als erster und laufend be-lehrt, sondern nach dem Motto mitmischt: Three before me. Oder sich wenigstens sagt: Two before you.

Die Teilnehmer bei meiner Session auf dem Mathema Campus tragen von alleine so gut wie alles zusammen, was es zu lernen gibt: ich streiche beim Zuhören gut gelaunt einen Punkt nach dem anderen von meiner Liste und muss nur wenig nach schieben, nichts korrigieren.

Beispielsweise ergänze ich noch, bei Notieren schlägt Mitlesen„:

  • Notiert wird Wissen, mitgelesen nur Information. Gleich wie gut eine Zusammenfassung von Trainerin und Trainer auch sein mag: erst mit den eigenen Worten der Teilnehmer ist  Wissen entstanden.
  • Notizen, Skizzen und Gekritzel sind individuell, physisch, visuell und an einem bestimmten Ort festgehalten. Lerner können sich oft sogar noch an die Stelle auf einem Blatt Papier erinnern, an der sie etwas Wichtiges fixiert haben – und an die Farben. Das verankert ihr Wissen viel tiefer als jede noch so unterhaltsame Präsentation.

Bei der Trumpfkarte „Bewegung schlägt Stillsitzen“ riskiere ich, weil es hier (!) genau (!) dazu passt, eine knalligere Aktivität zur Verdeutlichung: Ich verteile A4-Blätter und bitte alle, für jemand anderen ein Geschenk zu malen: „Bewegung schlägt Stillsitzen“ mit einem Smiley daneben. Wer fertig ist, möge bitte aufstehen. Ich zerknülle vor allen demonstrativ meine eigene Zeichnung: „Macht’s mir einfach nach! Sieht aus wie ein Schneeball, oder? Und was macht man … mit einem Schneeball?“ Zu den Klängen von  007 von Fanfare Ciocărlia tobt eine minutenlange Schneeballschlacht! Die Geschenke sind dann gut durchmischt…

Als Coach und Trainer habe ich mittlerweile akzeptiert, dass ich für diesen Weg oft erst Wochen nach einem Workshop Anerkennung bekomme. Viele tun sich schwer, zwischen Lernprinzipien (wie den sechs Trümpfen) und den Myriaden möglicher Aktivitäten dazu zu unterscheiden. Bei manchen ist die spontane Reaktion eher: Was macht der eigentlich noch, wir machen doch hier alles?! Oder: Das könnte man doch in der Hälfte der Zeit durchnehmen!!! Oder, verunsichert: Was soll der Kindergarten?!

Und es stimmt! Die Teilnehmer machen so viel wie möglich, denn Ihr Lernen ist das Ziel. Stimmt auch: durchnehmen könnte man doppelt soviel, in derselben Zeit – bloß verstehen und  lernen eben nicht. Und der Kindergarten? Stimmt doch: Dein Kind sollte dort lieber ordentlich durch die Mangel gedreht werden, damit es was fürs Leben lernt! Äh… Moment mal: Könnte es sein, dass man vieles dort so macht, gerade weil es eben funktioniert? Und welchem Denkverbot fügst Du Dich, wenn Du das vor Dir selbst und vor anderen lächerlich machst?

Conclusions: Auswerten, diskutieren, planen ist Trumpf

Wir diskutieren am Schluss, was die Teilnehmer aus ihrem eigenen Alltag kennen, was sie nutzen könnten, wo sie skeptisch sind. Die meisten sind nach einer Stunde immer noch hellwach und begeistert. Würden sie Training from the Back of the Room! weiterempfehlen? Falls ja, warum?

Lernerfolg viel höher. Konzept als Framework gefällt.

Weil es ganz anders als andere Vorträge in Erinnerung bleibt, und Eigeninitiative bringt Selbstwertgefühl ins Spiel.

Man kann – egal in welcher Form man trainierend tätig ist – ein paar schöne Inspirationen mitnehmen.

Aber es gibt auch kritische Stimmen: ob das wohl für alle Gelegenheiten passt? Ob das nur alter Wein in neuen Schläuchen ist? Ob es zu aufwendig wäre, ein Buch zu diesem Thema zu lesen oder einen Kurs dazu zu belegen?

Natürlich bin ich selber begeistert, schließlich bin ich ja zertifizierter Trainer für Training from the BACK of the Room! Ich schlage also einfach vor, sich die selbst erlebten (und gehaltenen!) Kurse, Workshops und Trainings noch einmal vor Augen zu führen: haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer das gelernt, was sie wollten? Waren sie wach im Kopf oder wie leicht narkotisiert? Haben sich Coaches und Trainer konsequent über eine hirnfreundliche Lernumgebung Gedanken gemacht, oder nur bruchstückweise, nach der Devise „Amerikanische Forscher haben herausgefunden…“?

Wer sich mit Training as usual wohl fühlt und damit seine Ziele erreicht, braucht Training from the BACK of the Room! nicht und könnte hier aufhören, zu lesen. Für wen das nicht gilt:

Lust darauf, als Trainer weiter zu wachsen?

Du kannst an einem unserer ungewöhnlichen Trainings teilnehmen und ein noch besserer Trainer werden. Der Clou: Du wirst dabei hoch motivierte, gleichgesinnte Trainer und Coaches treffen. Für Schnellentschlossene gobt es immer Frühbucher-Rabatte.

Sehen wir uns?

Die Trumpfkarten zum Download: The Six Trumps® Cards Deutsch

Bildnachweis:
posture.study. © Beth Scupham | CC BY 2.0, Portrait of an articulated skeleton on a bentwood chair, by Arthur Phillips(?) | Public Domain, Notieren schlägt Mitlesen © Rolf F. Katzenberger | CC BY 2.0

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