Hier stinkt’s! Platz 10: Für immer Azubi

Ja, tatsächlich: ich bin großartig. Schwierige Momente und Missionen löse ich lässig und unaufgeregt. Unfassbar sicher ist mein Auftreten.

Während das Team noch rätselt, während die Führungsriege mich mit flehenden Augen ansieht, sind mir die Lösungen schon in der Sekunde klar, in der das erste Wort über ein mögliches Problem fällt. Sagte ich gerade „Problem“? Ich meinte natürlich: Petitesse.

Mein Dauerzustand entspannter Unterforderung weicht nur für einen flüchtigen Augenblick, wenn ich die Verzweifelnden (wie üblich) mit einer fabelhaften, den Tag rettenden Geste aufrichte und in meinen Bann ziehe.

Und dann klingelt der Wecker. Ich wache auf, und das echte Leben beginnt.

Jammerschade – spätestens nach der Pubertät hat Hollywood wohl ausgedient und Platz gemacht für den Klassiker „Übung macht den Meister“. Das hat man verstanden und verinnerlicht.

Oder etwa nicht?

Symptome: wie es zu müffeln beginnt

Meistens zeigt die Verinnerlichung Wirkung. Gelegentlich aber durchschauen und beherrschen wir alles, was jemals erdacht und erfunden wurde, aus dem Stegreif. Gerade bei simplen Dingen wie Scrum, Extreme Programming oder Kanban ist völlig offensichtlich, welch grobe Schnitzer sich die jeweiligen Erfinder geleistet haben und aus unerfindlichen Gründen zu korrigieren weigern. Selbst wenn sie dazu alles Nötige von uns erfahren könnten, würden sie uns auch nur einmal um geistigen Beistand bitten:

  • Mit Post-Its, Karteikarten und Stiften arbeiten? Unprofessionell! Wozu gibt’s Software?!“
  • 19 Seiten Scrum Guide einhalten? Funktioniert bei uns nicht! Jedenfalls nicht, bevor wir das tayloren und customizen (wie die anderen 500-Seiten-Methodiken vorher auch).“
  • Jeden Tag eine Viertelstunde Standup-Meeting, für alle? Nur wegen Statusreporting? Wir reden sowieso den ganzen Tag miteinander…“
  • Anderthalb Stunden retrospektive Nabelschau, therapeutisches Miteinander-Reden? Alle 2 Wochen? Wozu haben wir unser betriebliches Vorschlagswesen?!“
  • Wir machen ab sofort Scrum! Aber mit dreimonatigen Sprints, nur einmal Standup Meeting pro Woche, eindeutigen Arbeitspaketverantwortlichen und fixer Releasecontainerbeplanung 4 Monate vorab – eben einfach professionelles Scrum, mit allem, was naives Scrum bisher sträflich vernachlässigt!“

Klingt vertraut? Selber schon so etwas gedacht und gesagt? Unerklärlich, weshalb „nach unserer Umstellung auf Agilität“ mehr und mehr so läuft wie früher – nur noch schlimmer?

Ursachen für müffelnde Agilität, Platz 10: Für immer Azubi

Wie in einem Metier die Stationen bis zum „Richtig gut“ aussehen, dazu gibt es einige Modelle. Die Brüder Stuart und Hubert Dreyfus beschreiben 5 Stufen (schön erläutert bei Werner Stangl):

  1. Anfänger (Novice)
  2. Fortgeschrittener Anfänger (Advanced Beginner)
  3. kompetent Handelnder (Competence)
  4. Erfahrener (Proficiency)
  5. Experte (Expertise)

Etwas gröber, dafür noch eingängiger, lauten die seit dem Mittelalter klassischen Stufen:

  1. Lehrling
  2. Geselle
  3. Meister

Wie lange braucht man zum Experten und Meister? Als Faustregel kann man mit rund 10.000 Stunden intensiver Beschäftigung rechnen. Beruflich gesehen sind das umgerechnet knapp 62 Arbeitsmonate, etwas über 5 Jahre also. Jahre, bis man agiles Arbeiten wirklich verinnerlicht hat? Das kann man einsehen und respektieren – muss man aber nicht.

Für manche kratzt es arg am beruflichen Ego, zusammen mit oder gar – Himmel! – von anderen etwas lernen zu müssen. Mag sein, dass sogar Leonardo etwas laufend üben musste. um es zu verstehen und zu beherrschen. Aber doch nicht ich!

Shortcut Impossible

Das Bedürfnis, ohne Mühe simple Rezepte mit klaren Erfolgsaussichten nachzukochen und dafür umgehend belohnt zu werden, hat keine Chance auf Erfüllung. Weder durch Bienenfleiß beim Bücherkonsum, noch mittels Durchdenkdelegation an Berater, noch durch munteres Mischen von Methodenmoden.

Wer seine Einsteiger-Stadien nicht liebt, lebt und letztlich hinter sich lässt, bleibt eben ewiger Azubi, unzufrieden mit jeder Methode, dabei aber von wenig Selbstzweifel geplagt. Klare und banale Ursache – doch von vielen so wenig beachtet wie die Fensterscheibe von der Fliege.

Wieso kommt man trotzdem derartig müffelnd durch’s agile Leben?

Aus demselben Grund, aus dem auch mittelmäßige Handwerker,  mittelmäßige Softwareentwickler, mittelmäßige Unternehmen durchkommen: Weil es zum Leben reicht – und nicht das Leben kostet. Wer damit kein Problem hat, hat damit schon die Lösung. Für alle anderen hier ein Vorschlag.

Lösungsmöglichkeit

Lerne, das Paradox zu lieben: wer nicht als ewiger Einsteiger gelten will, muss immer wieder einer werden. Je neugieriger, desto besser. Was heißt das, konkret?

Zurück ins Mittelalter. Oder in den fernen Osten.

Egal, wie gut Du bist: Lehrling, Geselle und Meister bleibst Du immer. Nur das Thema und Dein Stadium wechseln. Gut, wenn Du die typischen Bedürfnisse jeder Stufe immer vor Augen hast und sie bei anderen wie bei Dir selbst respektierst:

  • als agiler Lehrling hoffst Du auf einfache Regeln, Rollen und Artefakte, die den Erfolg garantieren. Du bist verunsichert, wenn Du Dich mustergültig an alle Regeln gehalten, aber Deine Aufgabe trotzdem nicht erfolgreich zu ende gebracht hast. Du brauchst Ermutigung dafür, dass Du immer mehr Dinge immer öfter richtig machst.
  • als agiler Geselle lernst Du immer besser, Deine Werkzeuge passend zur Situation zu wählen, anhand von Prinzipien. Du bist verunsichert, wenn Du keine Idee hast, wie Du eine Aufgabe bewältigen sollst – und wenn offenbar auch niemand sonst aus der ganzen Community eine solche Idee hat. Du brauchst Ermutigung dafür, dass Du keinen offenkundigen Unsinn bis zum bitteren Ende durchexerzierst, sondern Verantwortung übernimmst. Gelegentlich auch mal ohne Erfolg.
  • als agiler Meister bist Du Dir nicht mehr bewusst, nach Prinzipien zu handeln. Deine Handlungen fließen direkt aus Deinen Wertvorstellungen und Deiner Erfahrung.  Du brauchst konstruktive, harte Kritik, wenn Du langsamer Fortschritte machst als Dir möglich wäre. Du brauchst auch Lehrlinge, die in naher Zukunft einmal besser sein werden als Du je warst.

Es lohnt sich, dem eigenen Ego so lange diesen lebenslangen, auf den verschiedensten Gebieten wiederkehrenden Zyklus vor Augen zu führen, bis es zu murren aufhört und ihn genießen kann.

Zu altbacken für Dich?  Gut, dann beschreibe ich es vielleicht einmal so:

Was Du ab heute tun könntest

Fange an:

  • Wem wirst Du heute etwas weiter geben und überlassen?
  • Welche Alternativen wirst Du heute näher betrachten?
  • Was wirst Du heute aufmerksam üben?

Bildnachweis:
Wordle Scrum Guide 2011 © Rolf F. Katzenberger | CC BY 2.0

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